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Der erste Streich der Großen Vier, 13. August 2007
Zusammen mit Vincenzo Bellini und Gioacchino Rossini bildet Gaetano Donizetti das Dreigestirn der großen Belcanto - Komponisten, deren Werke sich zu ihrer Zeit einer unglaublichen Popularität erfreuten und die grüblerischen Hüter der "ernsthaften Musik", ganz besonders Schumann und Wagner, immer wieder auf die Palme brachten. Donizetti wurde als Sohn sehr einfacher Leute am 29. November 1797 in Bergamo geboren, bereits 1818 ging seine erste Oper über die Bühne. Unermüdlich reiste der junge Komponist in der Welt herum, schrieb Oper auf Oper (am Ende seiner 27 - jährigen Karriere waren es an die 70), und wurde zu einem der berühmtesten Komponisten seiner Zeit. Bei diesem ungeheuren Ausstoß von Werken versteht es sich von selbst, daß nicht jede Oper den Gipfel der Schaffenskraft bedeutet und viele von Donizettis Bühnenwerken werden heute nicht mehr aufgeführt, der Komponist bediente sich, wie der große Kollege Rossini, gern bei sich selbst, wenn es eine Lücke in der Partitur zu füllen galt, er besaß allerdings die Gabe der großen Melodie wie kaum ein anderer und wenn er sich richtig ins Zeug legte, wie bei "L'elisir d'amore" oder eben bei "Lucia di Lammermoor" gelangen ihm unvergängliche Meisterstücke, die noch heute zu recht auf jeder Bühne der Welt vertreten sind.
Mit "Lucia di Lammermoor" erreichte Donizetti seinen Höhepunkt auf dem Gebiet der dramatischen Oper. Als Vorlage diente Walter Scotts "The Bride Of Lammermoor", einem der in der Romantik ungemein beliebten Schauerromane. Der Librettist Salvatore Cammarano entnahm dem Buch die dramatischsten und bühnenwirksamsten Szenen und so entstand ein Textbuch voller blutiger Ereignisse, schauerlicher Begebenheiten, unstillbarer Leidenschaften und unnachgiebiger Rachgier, im Mittelpunkt eine Liebe, die selbst den Tod nicht fürchtet. Vieles an diesem Libretto wirkt heute sehr klischeehaft und wegen des Buches dürfte die Oper wohl kaum die Jahrhunderte überdauert haben. Doch Donizettis Musik sicherte der Oper die Unsterblichkeit. Nahezu überwältigend ist der Melodienreichtum von "Lucia di Lammermoor", die drei Hauptpartien Lucia, Egdardo und Enrico gehören zum Reiz - und Anspruchsvollsten, was das italienische Fach einem ambitionierten Sänger zu bieten hat und einige Szenen, wie Lucias Wahnsinnsarie oder das Schlußbild, verfehlen noch heute nicht ihre unbestreitbare Wirkung.
Die Uraufführung am 26. September 1835 war ein riesiger Erfolg und bedeutete für Donizetti den endgültigen Durchbruch, schnell verbreitete sich das Werk auf den Bühnen der Welt. Als diese Aufnahme 1953 entstand, hatte "Lucia di Lammermoor" jedoch ihren guten Ruf restlos eingebüßt, die Oper galt als Spielball für eitle Koloratursoprane, die zwar mit ihrer stimmlichen Brillanz zu glänzen verstanden, die dramatischen Anforderungen jedoch nicht erfüllen konnten. Das änderte sich mit dem Entstehen dieser Einspielung und dem Auftritt des Phänomens Maria Callas grundsätzlich.
Im Gegensatz zu den singenden Spieldosen, die über lange Zeit für die Hauptpartie dieser Oper prädestiniert schienen, besaß die Callas schon in frühen Jahren eine einzigartige Stimme, die diese Aufnahme entscheidend prägt. Zwar besaß sie die nötige ausgefeilte Technik, um die immensen Koloraturanforderungen dieser Partie zu bewältigen, was ihr hier spielend gelingt, doch die wirkliche Sensation ist hier ihre Ausgestaltung der sonst etwas oberflächlich wirkenden Rolle, das Eingehen auf den Text und die Situation der Szenen, keine Phrase wird leichthin einfach weggesungen, jedes Wort unterlegt die Callas mit Bedeutung und findet instinktiv stets den richtigen Ton. Diese Aufnahme entstand 1953, als sie noch ganz am Anfang ihrer grandiosen Karriere stand und als ihre Stimme noch keinerlei Spur von Überbeanspruchung zeigte, so daß man hier eine stimmlich makellose und gestalterisch hervorragende Lucia geboten bekommt, die noch nach über 50 Jahren und zahlreichen weiteren Aufnahmen nichts von ihrer Faszination verloren hat.
Für die Partie des Edgardo, Lucias verbotenem Liebhaber, wurde im jungen Giuseppe di Stefano die ideale Besetzung gefunden. Er nutzt seine Chance und vollbringt eine grandiose gesangliche Leistung, beherrscht nicht nur das heldische Schmettern, sondern auch die sensible Phrasierung in den Liebesszenen, vermag auch mal, einen Gang zurückzunehmen (für Tenöre immer eine Überwindung) und sich ins Ensemble einzugliedern. Auch für di Stefano bedeutete diese Aufnahme den Startschuß zur Weltkarriere, für lange Zeit galten Maria Callas und er seither als das Traumpaar der Opernbühne.
Der Dritte im Bunde ist Tito Gobbi als Lucias böser Bruder Enrico. Ähnlich der Callas war er nicht nur an stimmlichen Glanzpunkten interessiert und besaß eine unverkennbare, ungeheuer ausdrucksstarke Stimme, gepaart mit großer darstellerischer Intelligenz, die ihn vor allem bei der Darstellung der klassischen Bösewichter der Opernbühne (Scarpia, Amonasro, Jago) davor bewahrte, einen weiten Bogen um Klischees zu machen. Gesanglich ist er ausgezeichnet, wobei seine Stimme in höheren Passagen stets etwas zum Wackeln neigte, was aber nicht weiter ins Gewicht fällt. Auch hier gelingt ihm eine ungewöhnlich differenzierte Darstellung des ansonsten recht stur wirkenden Lord von Lammermoor, leider wurde seine Partie etwas gekürzt.
Dirigent ist hier der große Callas - Förderer Tullio Serafin, der sich, wie für ihn üblich, niemals zum Star am Pult aufspielt, sondern das Orchester mit großem Verständnis für Donizettis Intention und viel Gefühl für das Bühnengeschehen und die Bedürfnisse seiner Sänger leitet.
Das Gespann Callas - di Stefano - Gobbi - Serafin fand sich in dieser "Lucia" - Aufnahme zum ersten Mal zusammen, und die außerordentliche Qualität dieser Einspielung bewirte noch einige weitere, grandiose Opernaufnahmen, von denen noch heute keine ihre Mustergültigkeit eingebüßt hat.
Noch ein Wort zur Klangqualität: Natürlich war 1953 an Stereo - Qualität noch nicht zu denken, und auch gegenüber dem Klangbild der "Tosca" - Aufnahme aus dem gleichen Jahr ergeben sich einige Differenzen. Das Grundrauschen wurde zwar herausgefiltert, dafür klingen an einigen Stellen die Sängerstimmen jetzt etwas dumpf.
Trotz dieses kleinem Makels: Diese Lucia muß man gehört haben.
Auftakt zur Weltkarriere, 9. Juni 2005
Für Maria Callas bedeutete diese Einspielung (die erste, die sie für die EMI machte) den Auftakt zur Weltkarriere. Vom legendären Produzenten Walter Legge liebevoll in Szene gesetzt, mit dem großen Dirigenten und Callas-Förderer Tullio Serafin am Pult und Kollegen wie Giuseppe di Stefano und Tito Gobbi gelang hier eine Opernaufnahme, die an Spannung einem Live-Erlebnis gleich kommt. Vielleicht kann man die Sensation, die diese Aufnahme bei ihrem Erscheinen machte nicht mehr ganz nachvollziehen. Man muß aber wissen, daß der Typus des dramatischen Koloratursoprans damals ausgestorben war, und Rollen wie Lucia mit leichten, soubrettenhaften Stimmen besetzt wurden. So kamen diese Werke in den Verruf "Kanarienvogelmusik" zu sein. Und dann erschien diese Einspielung, in der eine dramatische Sängerin mit voller, voluminöser Stimme die Lucia interpretiert, die Koloraturen gleichzeitig brillant meistert und der Musik ihre Tiefe, der Rolle ihren wahren Gehalt zurück gibt. Noch heute berührt einen die Lucia der Maria Callas wie die keiner anderen Sängerin. Und nun hat EMI die Zeichen der Zeit erkannt (die Rechte an den Callas-Einspielungen der 1950er Jahre laufen nämlich aus, und jedes Label kann die Aufnahmen nun nachpressen) und bringt diese "Lucia" als preiswerte Ausgabe auf den Markt. Wer sie noch nicht hat, sollte unbedingt zugreifen.
Überragende Lucia, 7. Mai 2005
Wer hören will, was für eine große, gesunde Stimme die Callas einmal hatte, wer eine wirklich erfüllte Lucia-Aufnahme erleben will, kommt an dieser Einspielung nicht vorbei:
Die erste Aufnahme der Sängerin bei ihrer späteren Hausfirma EMI zeigt sie stimmlich noch, interpretatorisch schon in Bestform: Anders als die meisten anderen Sängerinnen der Rolle bewältigt sie nicht nur die technischen Schwierigkeiten der Partie lehrbuchreif. Dazu verfügt sie über die Fähigkeit, durch perfekte Artikulation und Färbung der Stimme ein Charakterbild zu zeichnen zwischen Melancholie, Jubel, tiefstem Schmerz und dem fahlen Klang des puren Wahnsinns. Und während andere Sängerinnen die Koloraturkaskaden nur nutzen, um ihre technischen Fähigkeiten zu beweisen, dienen sie Callas als Mittel der Interpretation und Charakterisierung. Dazu singt sie hier erstmals an der Seite ihres späteren Traumpartners Tito Gobbi, der einen ebenso dämonischen wie brutalen Enrico gibt - trotz einiger etwas geblökter Spitzentöne eine sehr beeindruckende Darstellung. Giuseppe di Stefano protzt in jeder Szene mit seiner herrlichen Tenorstimme, die damals noch keine Abnutzungserscheinungen zeigte, und ist ein herrlich glühender Liebhaber, dem nur in seiner Arie im letzten Akt etwas die Pferde durchgehen - dann wird er etwas kitschig. Also die absolute Erfüllung? Nicht ganz: Zum einen ist das Orchester nicht ganz überzeugend - ein bei Donizetti zwar sicher nicht entscheidender, aber nicht ganz nebensächlicher Faktor. Außerdem ist die EMI bei der Restaurierung etwas über das Ziel hinausgeschossen: Zwar ist jedes Rauschen (und diese Aufnahme rauschte auf LP sehr stark) weggefiltert, dafür klingen aber auch die Stimmen etwas dumpf - wenn ich auch das Gefühl habe, dass diese Ausgabe wieder etwas klarer klingt als die Erstausgabe. Trotzdem eine wunderbare Aufnahme, die fast keine Konkurrenz (allenfalls die erste Aufnahme der Sutherland mit Cioni, Merrill) zu fürchten hätte, wäre da nicht die großartige Live-Aufnahme mit fast der selben Besetzung (Panerai statt Gobbi) von 1955 aus Berlin: Diese ist technisch erstaunlich gut und wirkt in vielem einfach lebendiger als die Studio-Einspielung. Dafür war die Stimme der Callas '55 schon etwas angegriffener. Also - Geschmackssache. Ich habe und liebe beide!
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