Kundenmeinungen
nicht überzeugend, 12. Juni 2008
Ich war sehr gespannt auf diesen Film. Bertolucci ist ein Gigant, die meisten seiner Filme sind grandios. Hier aber ist die Phantasie mit einem alten Mann durchgegangen, der sich erträumt, wie die Jungen im Mai 68 gewesen sein könnten. Eva Green spielt viel zu spöttisch, egal ob sie nackt oder angezogen ist, hat dabei aber nicht die Größe, die man dazu bräuchte, sondern stolpert von einer Peinlichkeit in die andere. Die ganze Geschichte ist zusammengestoppelt, die drei 19 bis 20 jährigen benehmen sich wie Kleinkinder und verwüsten die Wohnung, als wären sie noch immer auf Mamas helfende Hand angewiesen. Und als die Eltern zurückkommen, schreibt Papa einen Scheck aus. Wofür eigentlich? Der angefangene und dann genauso unmotiviert beendete Selbstmord/Mordversuch ist völlig unverständlich. Fazit: einige Passagen sind sehr nett gespielt, es gibt ein paar Dialoge, an denen man sich erfreuen kann, aber den Film zu Bertoluccis Meisterwerken zu zählen, ist dann doch etwas zuviel des Guten.
Der bisher beste europäische Film des 21. Jahrhunderts, 19. April 2008
Bernardo Bertolucci hat sich in seiner langen Karriere auf zweilerlei Weisen einen Namen als Regisseur gemacht: Einerseits ist er der Regisseur der großen Epen und Ausstattungsfilme ("Der letzte Kaiser", "Little Buddha", "1900"), andererseits ist er einer der Skandalregisseure des internationalen Kinos ("Der letzte Tango in Paris"). Und letzterem Ruf würde er mit diesem Film gerecht werden, hätte er ihn zu der Zeit in die Kinos gebracht, in der er spielt. Sein Film über die 68er und die Ausschreitungen in Paris ist zwar auch für heutige Verhältnisse ein äußerst "offenherziges" und provokantes Stück Kino - nicht nur seine Bildsprache betreffend sondern auch auf inhaltlicher Ebene - aber im Zeitalter massentauglicher Hard Core ("Intimacy", "Shortbus" und "9 Songs" im Bereich der gezeigten Sexualität, aber auch etwa Folterhorror wie "Hostel" oder "Saw") kann von einem Skandal nicht mehr die Rede sein. Das Publikum des 21. Jahrhundert ist mittlerweile äußerst hart im Nehmen. Gut so! Denn wann immer ein Skandalfilm als solcher tituliert wird, bleibt die Bewertung der eigentlichen Qualität ein Stück weit auf der Strecke (ein jüngeres Beispiel ist etwa "Die Passion Christi").Bertoluccis "Die Träumer" ist sein intensivster und intimster Film bisher - und sein bislang letzter. Er beweist auch im hohen Alter seine ganze Bandbreite und ist damit so etwas wie das europäische Gegenstück zu Clint Eastwood, der auch, wie ein guter Wein, im Alter immer besser wird (angefangen bei "Erbarmungslos" über "Mystic River" und "Million Dollar Baby" bis hin zu seinen Zwillingsfilmen "Flags of our Fathers" und "Letters from Iwo Jima"). Den Oscar bekam Bertolucci für großes Ausstattungskino ("Der letzte Kaiser"). Hier aber hätte er ihn für sein Verständnis zwischenmenschlicher Beziehungen und deren Konnex zu gesellschaftlichen Gegebenheiten und Missständen verdient. Sein Ästhetikverständnis lässt diesen Film niemals vulgär oder anstößig erscheinen (anders etwa als "9 Songs"). Die geschliffenen und dennoch authentisch wirkenden Dialoge belegen zum einen sein Feingefühl und zum anderen das schauspielerische Talent seiner Hauptdarsteller (allen voran Michael Pitt und Eva Green). Dieser Film ist einer der Filme, die im großen Oscarzirkus entweder schlicht übersehen oder vom Verleih nicht genügend "gepusht" wurden. 2008, fünf Jahre nach der Premiere des Films, war das Jahr der Europäer bei den Oscars. Seinerzeit hätte dieser Film im "Herr-der-Ringe"-Jahr wohl keine Chance gehabt. Schade, denn "Die Träumer" ist auch einer der Filme, die als die großen und bedeutenden Filme in die Geschichte hätten eingehen können, aber schlicht und ergreifend zur falschen Zeit und ohne das heute nötige Marketing veröffentlicht wurden. Andererseits hätte es der Film bei den mehrheitlich konservativen Oscarjuroren aber auch äußerst schwer gehabt zu punkten. In der Geschichte der Oscars hat es nie ein Film, der auch nur ansatzweise so freizügig und provokant gefilmt wurde, geschafft, in der Königsklasse zu gewinnen oder überhaupt nominiert zu werden. Glücklicherweise gibt es aber auch solche Filme, deren Qualitäten erst Jahre später (wieder-) entdeckt werden ("Citizen Kane", "Vertigo"). Hoffentlich gehört "Die Träumer" irgendwann dazu, denn ansonsten wird er immer nur ein sogenannter "Geheimtipp" bleiben. Dieser Film hätte jede Aufmerksamkeit der breiten Masse verdient - und sei es nur um sich selbst nach dem rezipierten Effektoverkill des Blockbuster-Kinos mal wieder auf Normalnull zu polen und um zu erkennen, dass es doch noch immer so etwas wie klassische, schnörkellose Kinomagie gibt.
Ein Film der mir lange im Kopf bleiben wird, 19. April 2008
Mich beschäftigt der Film im Nachhinein mehr, als so manch anderer Film. Vieles habe ich inhaltlich nicht ganz nachvollziehen können, das Ende ist mir noch immer ein Rätsel und dennoch haben mich viele Szenen durchaus gefesselt.Die Diskussion über Chaplin und Keaton war ganz auf meiner Wellenlänge und nahezu perfekt besprochen (als Chaplin und vor allem Keatonfan nicht verwunderlich).Auch die reingeschnittenen s/w Filmszenen erkannte ich alle wieder und jedes Rätsel konnte ich tatsächlich lösen. Somit wurde mir erst richtig bewusst, wie Filmverrückt ich doch bin ;-).Atmosphärisch lullte mich die Pariser Wohnung ganz und gar ein. Endlich mal wieder etwas anderes sehen, als den immerwährenden Hollywood-Mist und alles was damit zusammenhängt.Ob die Sexeinstellungen erotisch waren, wird wohl jeder für sich selber entscheiden müssen, denn da klaffen die persönlichen Meinungen und Empfindungen weit auseinander. Fakt ist jedoch, dass hier unverblümt, ohne Weichzeichner, Schattenspiele und getürktem Lichteinfall nackte Tatsachen gezeigt werden. Die Nahaufnahmen aus der Sicht der Darsteller und nicht aus der Sicht des Zuschauers lassen den Voyeurismus ein Stück weit auf der Strecke und verdeutlichen das Sex keine schmutzige oder gar ekelige Sache ist, sondern das Natürlichste der Welt.Ich fand die Szenen erfrischend ehrlich, so wie im wahren Leben und so wie man sich Zuhause wahrscheinlich wirklich gibt. Nur halt nie in der Öffentlichkeit. Das ist mit ein Grund, warum ich diese Sequenzen als erfreulich anders empfinde. Halt ganz anders, als das prüde USA Softpornogedusel.
Alles ist möglich, 19. April 2008
Erst einmal sieht dieser Film sehr gut aus. Und nein, ich meine jetzt nicht die vielen hier gezeigten Nacktaufnahmen, und auch nicht, dass die spätere Bonddarstellerin Eva Green hier durchaus etwas zu bieten hat. Was der Film auf der optischen Ebene hier großartig transportiert, ist die wunderbare Welt einer dieser wunderschönen, riesigen, viel zu dunklen Pariser Altbauwohnungen, in denen die Zeit anscheinend stehen geblieben ist. Denn hier zieht sich das Bürgertum zurück in die Burg. Und so offen die Besitzer der Wohnung als ebenfalls typische französische Intellektuelle zu sein scheinen, so sehr braucht diese geschlossene Welt die Revolution, damit hier wieder Leben einzieht. Die Andeutungen von Inzucht, die dem Film seinen Skandal in der Öffentlichkeit geliefert haben, finden sich vielleicht auf der geistigen Ebene noch viel mehr als auf der körperlichen. Die Atmosphäre der Abgeschiedenheit, der Fremdheit von dieser Welt (gab es nicht einmal das schöne Wort "Entrückung") findet sich auch im liebsten Hobby der Protagonisten wieder. Man liebt Filme, aber nur wenn sie alt und schwarzweiß sind. In einigen der schönsten Szenen im Film werden Höhepunkte der Filmgeschichte nachgespielt. Fiktion ist hier wichtiger als Wirklichkeit.Zweitens hört sich dieser Film gut an. Den Soundtrack muss man sofort kaufen, wenn man eine gelungene Kompilation von Musik aus den 60ern sucht. Und was auch noch schon ist, die Musik passt jeweils zu den Bildern, wirkt daher nie aufdringlich und scheint die Phasen der Stille, die es auch gibt, noch intensiver zu machen. Insgesamt habe ich daher den Eindruck, hier vor allem einen handwerklich herausragend gemachten Film zu sehen. Und diesen Film vor allem formal zu betrachten und zu genießen, liegt der Intention des Regisseurs vielleicht wirklich nicht so fern, da auch im Film wenig über die Handlung der großen Filmvorbilder aus der Vergangenheit gesprochen wird.Braucht so ein Film jetzt noch eine Handlung? Eigentlich nein. Und daher kann man diese wohl auch in nur etwa drei Sätzen zusammenfassen. Ein Zwillingspaar hat vor allem sich selbst. Da das nicht reicht, also letztendlich ein nicht erfülltes Leben ist, versucht man, einen Außenseiter in das eigene Leben zu integrieren. Man hat damit aber nicht gerade viel Übung und macht eigentlich alles falsch, was für den Außenseiter recht verwirrend ist.Zum Ende muss ich jetzt doch nichts mehr sagen, es liegt doch auf der Hand, oder?
Provokant...., 10. April 2008
ist dieser Film auf jeden Fall. Dabei fesseln vor allem die Charaktere und ihre komplexen Beziehungen zueinander. Als inzestuös würde ich dir Beziehung der Geschwister nur bedingt bezeichnen. Vor der Begegnung mit Matthew war Isabel noch eindeutig Jungfrau und auch während des Film wird kein Geschlechtsverkehr zwischen den beiden dargestellt. Aber eine körperliche Anziehung besteht auf jeden Fall zwischen den drei Charakteren. Viel nackte Haut und auch Genitalien sind zu sehen (im französischen Film ja keine Seltenheit). Interessant an den Zwillinge ist meiner Meinung nach die Naivität. Im Grunde verhaaren beide in der Kindheit, in der es ganz normal war, zusammen in einem Bett zu schlafen, zusammen zu baden und alles miteinander zu teilen. Mit der Pubertät kommt auch der Drang zur Sexualität, den sie zusammen ausleben, aber die moralische Grenze (sprich Inzest) übertreten sie nicht, sondern streifen diese nur. Matthews Auftauchen ist zunächst eine Befreiung, da sie einen Gleichgesinnten treffen und sich ihre Welt zu öffnen scheint. Doch letzten Endes fesseln sich die Drei gegenseitig mit der Kraft der Anziehung an die Wohnung der Eltern. Das ganze geht eine Weile gut, doch die Spannung sammelt sich und Konflikte entstehen, die zum Bruch zwischen ihnen führt. Bernardo Bertolucci selbst bezeichnet diesen Film als eine Liebeserklärung an den Film, und stellenweise geschieht dies durch die Interaktionen der Charaktere. Dennoch ist dieser Titel irreführend, da klar die Beziehung der Figuren als Thema dominiert. Dass diese den Film und auch Politik diskutieren, macht die Dialoge zwar interessanter, kann aber nicht über den Fokus hinweg täuschen. Alles in allem ist dieser Film doch sehr gelungen, und hat es meiner Meinung nach geschafft zu provozieren und zu erschüttern ohne dabei geschmacklos zu werden.
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