Kundenmeinungen
Joe Strummers langer Schatten, 23. Oktober 2006
Wenn man sich beim ersten flüchtigen Anhören einer CD sofort an Tom Waits und Bob Dylan erinnert fühlt, dann ist das allemal eine Empfehlung -- wobei Joe Strummer ja solche Empfehlungen wahrlich nicht braucht."Streetcore" ist leider, leider sein letztes Album; er starb kurz vor der Fertigstellung. Ob's daran liegt, dass dieses Album ein, zwei mittelmäßige Tracks enthält? An Strummers Musik jedenfalls liegt's nicht."Streetcore" enthält fast nur erstklassige Songs, die ein (leider!) letztes Mal beweisen, welche musikalische Klasse Strummer hatte: Herrliche Reminiszenzen an beste "The Clash"-Zeiten zuhauf; gleich der erste Song "Coma Girl" macht da weiter, wo "London Calling" aufgehört hat. Ein schnörkelloser Song, der unglaublich viele Ideen im Gepäck hat. Es geht auf diesem Niveau weiter; mit "Get Down Moses". Wer schon immer wissen wollte, wie ein phantastischer Punk-Reggae-Spiritual klingen könnte -- hier ist die Antwort. So könnte es nicht, so m u s s es klingen.Joe Strummer mit und ohne Punk, mit Folk, Rock, Rap und Country -- seine Abschiedsvorstellung ist der würdigsten eine. In "Long Shadow" klingt er, als hätten Bob Dylan und Tom Waits zusammen eine Country-Platte aufgenommen (der Song ist Johnny Cash gewidmet).Sein "Redemption Song" lässt einen dann erstmal stutzen, aber es stimmt: Man hört Bob Marleys Klassiker in ganz neuem Gewand. Ohne Reggae-Sound, stattdessen als astreinen Folk, rauh und unpoliert. Strummer hat diese Version Captain Beefheart gewidmet -- nicht ganz ohne Grund.Ganz andere Töne in "All in a Day": Hier geht die Post ab; nicht nur, weil Strummers atemloser Gesang HipHop-Elemente einbaut, sondern vor allem, weil hier alte Clash-Zeiten wieder mal fröhliche Urständ feiern. Und dann noch diese Rhythmus-Wechsel genau da, wo sie hingehören... Nämlich da, wo man nicht drauf gefasst ist.Strummers musikalischer Rundumschlag hat noch mehr zu bieten: Zunächst die ein wenig verhaltene der Ballade "Ramshackle Day Parade", die gegen Ende einen Gang zulegt. Ein wenig erinnert's an U2, vermutlich wegen der Gitarren-Soli -- aber das Ganze ist weitaus weniger glattpoliert.Der Text von "Burnin' Streets" wieder erinnert ganz an alte Zeiten, auch wenn der Song selber nicht ganz mit den anderen mithalten kann.Etwas schwächer sind "Arms Aloft" und vor allem "Midnight Jam" -- schlecht isser nicht, dieser düstere Song mit seinen dezenten Folk- und HipHop-Anleihen, aber ein wenig unausgegoren, zuviele (durchaus gute!) Soli hintereinander eben.Aber am Ende hat "Streetcore" nochmal dieselbe Klasse wie am Beginn: "Silver and Gold" ist schöner lockerer Folk, perfekt inszeniert. Ein wenig klingt's nach Tom Waits, wenn man's denn vergleichen will. Aber vor allem eben klingt's wie Joe Strummer...He cast a long shadow on the ground... einen sehr langen Schatten sogar.
Das letzte Werk eines Helden., 12. Oktober 2006
Ich gebe zu, die fünf Sterne sind eigentlich nicht gerechtfertigt, den "Streetcore" ist schwächer als die beiden vorangegangen Alben. Am liebsten hätte ich gar keine Wertung abgegeben. Bei einem posthum veröffentlichten Album gehört sich so etwas meiner Meinung nach nicht.Dann vergeben wir die fünf Sterne eben für das Gesamtwerk von Joe Strummer und da sind fünf Sterne allemal angebracht.Joe Strummer starb am 22.12.2002. Ohne ihn ist die Welt irgendwie nicht mehr dieselbe.
Unsterblich, 30. Dezember 2003
Joe Strummer wurde am 22.12.2002 vom Sensenmann mitten aus dem Leben und aus dem Schaffensprozess gerissen. Das posthume Album "Streetcore" demonstriert jetzt, dass Strummer bis zuletzt nichts von seiner Energie und Kreativität verloren hatte.Mit "letzten Aufnahmen", die nach dem Tod des Künstlers erscheinen, ist es ja immer so 'ne Sache - vergleiche z.B. auch Joey Ramone "Don't Worry About Me" - manches ist zwangsläufig nicht in der Form, wie es beabsichtigt wurde, und immer wieder stösst man auf etwas, was unfertig oder unausgegoren klingt. "Streetcore" ist dennoch zu empfehlen, denn die besten Momente darauf sind einfach umwerfend stark. Das gilt für die grandiose Single "Coma Girl", die in 3:40 Minuten mehr Musikstile beinhält, als gewisse andere Leute auf Doppel-CDs unterbringen, und die es ohne Video zu Recht in die Charts schaffte. Astrein kommt auch der herrlich unpolierte Reggae "Get Down Moses". Strummer konnte sowas spielen, ohne sich anzubiedern, es ist "Roots", aber eindeutig weiss, nicht gefakt wie als ob es aus Trenchtown käme - muss man aber selber hören, um es zu kapieren. Erste Sahne ist noch "Ramshackle Day Parade" mit einem hörenswerten Text über die Macht der Massenmedien. Eindrucksvoll, allerdings Geschmackssache, ist die lupenreine Country-Ballade "Long Shadow". Routiniert ohne Überraschungen kommen die straighte Rocknummer "Arms Aloft" und die - was sonst - werkgetreue Version von Bob Marleys "Redemption Song" rüber.Der Rest fällt leider deutlich ab. Zu belanglos, eben "unfertig", klingt das ohne die Band nur mit Drums und Samples aufgenommene "All In A Day". Reiner Füllstoff, und nach zwei Minuten nervend, das überwiegend instrumentale "Midnight Jam". "Burnin' Streets" hat noch einen interessanten Text, eine Art Rundblick über das heutige London analog zu den Clash-Songs, die dasselbe Thema in der Thatcher-Ära behandelten. Musikalisch klingt das aber leider zu wenig nach Clash, zu sehr nach Bruce Springsteen (igitt ... ). "Silver And Gold", identisch mit der alten Bobby Charles / Fats Domino-Nummer "Before I Grow Too Old", hat auch nur einen ersichtlichen Zweck, nämlich nochmal zu unterstreichen, dass die Message "Rock'n'Roll" lautet. (Ist natürlich voll OK, aber das stärkste Stück ist es nicht.)Was solls, die Scheibe lohnt in jedem Fall, trotz der paar erklärlichen Schwachpunkte. Nicht nur Musik und Texte, auch Cover-Design und Sleevenotes atmen noch einmal unverdünnt den Geist eines der unverwechselbarsten und besten Songschreibers seiner Generation. Und musikalisch ist sie durch ihre Vielfalt repräsentativ für die gesamte Arbeit dieses Chamäleons und Globetrotters, und deshalb ein angemessener Abschied, der umso mehr schmerzt, weil er so früh kommt. Warum ist dieser Mann tot, und Elton John lebt?
Wieder genial, 9. Dezember 2003
Leider ereilte uns vor gut einem Jahr die schlechte Nachricht vom unerwarteten Tod Joe Strummer's. Er stand mitten in der Arbeit an einem neuen Album. Das es überhaupt erscheinen würde hätte ich nicht gedacht; um so überraschter war ich, als vor kurzem Streetcore erschien.Und zu hören ist auf diesem Album ein Joe Strummer in bester Form. Mal voller Energie, wie bei "All in a day" oder rau bei "Coma girl" oder Demo like wie bei "Silver & Gold". Wieder gibt eine Mixtur aus Stilen wie Raggae, Hip Hop, Punk, gar Folk oder Country, wie auch Rock'n Roll und Worldmusic zu hören. Dieses Album ist etwas ursprünglicher, als die Vorgänger "Art Rock and X-Ray Style" und "Global a go go", aber nicht minder schlecht. Halt ein richtiges Joe Strummer & the Mescaleros Album. Einfach klasse. Und beim hören wird einem bitter bewußt, was für ein Verlust sein viel zu früher Tod ist!
Bitte dieses Album anhören! Sofort!, 15. November 2003
In einem Jahr mit viel guter Musik kommt am Ende noch die größte Überraschung: Ein neues Album von Joe Strummer, traurigerweise sein letztes, und ohne irgendwelche Sentimentalitäten nichts weniger als sein bestes seit "London Calling". Platte des Jahres, wenn, ja wenn das Album zum Schluß hin nicht leider noch merklich nachlassen würde. Dennoch über weite Strecken ein begeisterndes Werk; wer jemals etwas mit The Clash anfangen konnte kommt an "Streetcore" nicht vorbei. Zwei der stärksten Songs als Anspieltipps: Der großartige Opener "Coma Girl", welcher den Geist der späten Clash atmet, und das herausragende "The Long Shadow", ein Gigant von einem Song.
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