Beschreibung
Als Regisseur Stanley Kubrick seine Adaption des kontroversen Romans von Vladimir Nabokov über die sexuelle Besessenheit eines hoffnungslos erbärmlichen Professors mittleren Alters von seiner zwölfjährigen Stieftochter veröffentlichte, hieß es in den Voranzeigen: "Wie ist es ihnen nur gelungen, aus Lolita einen Film zu drehen?" Die Antwort lautet: Es ist "ihnen" gar nicht gelungen. Wie bereits bei seinen Adaptionen von Barry Lyndon, Uhrwerk Orange und ganz besonders bei Shining, nahm Kubrick das Quellenmaterial und machte -- schlicht ausgedrückt -- einfach einen weiteren Stanley-Kubrick-Film daraus. Und das, obwohl Nabokov selbst das Drehbuch schrieb. Der kühle Regisseur strich Humbert Humberts (James Mason) überwältigende Leidenschaft und Verlangen und verwandelte die Geschichte (wie bei vielen seiner Filme) stattdessen in die eines Mannes, der vom gesellschaftlichen Sittenkodex sowie von seinen eigenen Zwangsvorstellungen gefangen gehalten und schließlich zerstört wird. Kubrick stellt das allerdings nicht als Tragödie dar, sondern als schwärzeste Komödie und als schlängelnden, episodischen Road-Movie. Die anfänglichen Szenen mit Humbert, Lolita und deren lauten, grellen Mutter kommen wie eine wunderbare Farce daher. Nachdem Humbert Lolita schließlich hat, macht sich das Pärchen auf den Weg, und Kubrick bringt Peter Sellers mit ins Spiel. In der Rolle des pädophilen Schriftstellers Clare Quilty -- Humberts spielerisches Pendant und seine größte Gefahr -- tritt Sellers in verschiedenen Masken auf, mit der Absicht, Lolita ihrem Entführer zu entreißen. An dieser Stelle kommt Kubrick der Romanvorlage wohl am nächsten. Er überträgt Nabokovs Idee der Spiele und Rätsel zwischen Schriftsteller und Leser, Quilty und Humbert, Lolita und Humbert usw. auf solche zwischen Regisseur und Zuschauer. Die Straße führt schließlich ins Nirgendwo, und Humberts Realität wird als Wahnvorstellung entlarvt. Lolita ist vielleicht kein Kubrick-Meisterstück; auch nicht der provokative Film, den viele erwartet hatten -- aber er ist nach wie vor auf spielerische Weise faszinierend und eine der stärksten, komischsten Charakterstudien des Regisseurs. --Dave McCoy
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Kundenmeinungen
Wie man als Mann in den besten Jahren einen Machtkampf gegen einen Teenager führt - und verliert, 21. November 2007
Was für ein Skandal. Da schreibt ein Herr namens Nabokov doch ein Buch über die Liebe und Leidenschaft eines erwachsenen Mannes zu einem viel zu jungen Mädchen. Und dann kommt Stanley Kubrick, der berühmte Regisseur, und verfilmt das auch noch. Und ja, es geht natürlich auch um die Frage, wer mit wem wann schläft, denn die Leidenschaft, um die es hier geht, ist natürlich alles andere als platonisch.
Was die Öffentlichkeit bei Film und Buch allerdings ignoriert hat, ist die geniale Zeichnung der beteiligten Charaktere. Denn damit kommen wir gleich zur Stärke des Films: Kubrick, der Kontrollfreak, hat für Zufälle oder Missverständnisse mal wieder wenig Raum gelassen. Vor allem nicht bei seiner Lolita. Sie ist ein verzogenes, einfach gestricktes Kind, dessen schreckliche Launen sich im Verlauf des Films verstärken. Sicher, man weiß nie so recht, ob sie das mit dem Sex genießen kann. Was sie aber sicher genießt, ist das Gefühl der Macht, das sie durch ihre erotische Ausstrahlung auf Menschen hat. Das kostet sie aus, und sie könnte nicht mehr Kind sein, als in diesen Szenen. Das ist aus meiner Sicht einfach hervorragend dargestellt. Egal, welche Kritik die junge Sue Lyon für die Rolle erdulden musste, ich finde sie hier großartig.
Das schöne ist, dass der Mann, der ihr zunehmend verfällt und dabei seine Würde verliert, intelligent genug ist, diesen Prozess auch noch zu verstehen. Im Gegensatz zu ihr überblickt er die Beziehung der beiden und deren Entwicklung. Aber er kann nicht anders. Leidenschaften sind eben absolut. Und wer so gar nicht lebt, ist auch irgendwie tot. Als es am Ende zur Katastrophe kommt, stellt sich natürlich die Frage, was Humbert hätte denn anderes machen können. Denn er und Lolita bewegen sich im Film durch eine Welt voller Erotik und Sex, die den Beteiligten eigentlich permanent Reize liefert, die man kaum ignorieren kann. Da ist die lüsterne Hausfrau, die Mutter von Lolita, die wunderbar aufdringlich dargestellt ist und dem kleinen Balg praktisch alle Freiheiten lässt. Da ist Quilby, der in seinem eigenen Leben eigentlich nur das Thema des sexuellen Experiments gelten lässt. Und da ist generell eine Gesellschaft, in der die verschiedenen Paarungsrituale kaum verklärt zu den wichtigsten Dingen des Lebens gehören. Welche Wahl hatte Humbert also? Das Kloster oder der Untergang. Er trifft seine Wahl jedenfalls sehenden Auges. Wie dieser Mann mit der Situation umgeht, ist spannender als der Ausgang vieler Krimis.
Trotz dieser tragischen Geschichte hat der Film durchaus auch komische Elemente. Da sind natürlich die brillanten Szenen mit Peter Sellers als Quilby. Da ist der absurde Kampf von Humbert mit den Umständen in einem Hotelzimmer. Und nicht zuletzt gibt es die scheiternden Versuche der Mutter Lolitas, einen Vamp zu geben, der sie einfach nicht ist. Eine großartige Leistung der Darstellerin Shelley Winters. Tragödie und Komödie schließen sich nicht aus im Medium Film.
Der Film erscheint mir der heutigen Zeit fast näher als dem Jahre 1962, in dem er in die Kinos kam. So sollte man sich durch die schwarz-weißen Bilder besser nicht täuschen lassen. Wer bereit ist, neben dem Skandal auch die gut erzählte Geschichte der Protagonisten zu sehen, kann hier viel über Menschen, deren Träume und Abgründe erfahren.
Die Rechnung ging nicht auf, 12. Mai 2007
Zunächst ist es für Humbert Humbert lediglich ein makaberes Spielchen mit Charlotte Haze, die er nur heiratet, um ihrer minderjährigen Tochter Dolores (genannt "Lolita") nah zu sein. Diese hat ihm den Mund wässerig gemacht und spielt mit seiner Neigung zu ihr.
Umso größer ist seine Vorfreude, als die unliebsame Gattin tödlich verunglückt.
Während er daran verzweifelt, zu Lolita ein engeres Verhältnis aufzubauen, und zunehmend Eifersucht entwickelt, verkennt Humbert einige fatale Vorzeichen. Der Spieß wurde längst gewendet und das Schicksal der Familie Haze widerfährt ihm schließlich selbst.
Der Film erscheint insgesamt wie eine Abrechnung mit dem Thema "Leidenschaft".
Letztendlich lebt die erkaltete Lolita mit einem gutmütigen Mann zusammen, welchen sie nicht aus Liebe, sondern aus Vernunft gewählt hat.
Humbert hat sie mit seinen anstößigen Interessen ihrer Jugend beraubt, Quilty ihr wiederum das Herz gebrochen. Daraus hat sie ihr persönliches Fazit gezogen.
Dass man von Erotik verschont bleibt, mag vielleicht an dem Alter des Films liegen, doch Pädophilie kennt im Normalfall überhaupt andere Veranlassungen. Und statt mit sexueller Begierde beschäftigt sich Kubrick ohnehin eher mit der Darstellung von Humberts verhängnisvoller Verblendung.
Das Drama mag aufgrund seines Alters und des Schwarzweiß-Bildes stark angestaubt wirken, allerdings überzeugte mich die satirische Gestaltung. Die Problematik ist heute wahrscheinlich sogar noch aktueller als damals, jedoch mit dem Unterschied, dass sie in den Sechziger-Jahren noch skandalöser war.
Bei den darstellerischen Leistungen besticht wie zu erwarten ohne Konkurrenz Peter Sellers als hinterlistiger Mister Quilty. Seine vielfältige Performance zu erleben, war für mich ein großer Genuss!
S/W-Klassiker mit Flair, 21. März 2007
"Wie konnten sie nur 'Lolita' verfilmen?" - fragte 1962 die Ankündigung für den Film. Die Verfilmung von Nabokovs Skandal-Buch durch Stanley Kubrick war ein ebenso großer Skandal. Es waren die Zeiten, zu denen die Lolita-Darstellerin Sue Lyon aus jugendschutzrechtlichen Gründen noch nicht zur Premiere ihres eigenen Filmes durfte. Aus heutiger Sicht ist der Film - die Affaire eines älteren College-Professors (James Mason) mit der jugendlichen Tochter Dolores seiner Vermieterin (Shelley Winters) - vergleichsweise zahm, jedenfalls was die erotischen Szenen betrifft. Das Spiel mit den jugendlichen Reizen und das langsame Verfallen des Professors stellt Kubrick bis zu seinem fatalen Ende gut - zuweilen etwas übertrieben - dar. Wie bei "Dr.Strangelove" spielt auch hier Peter Sellers mehrere Rollen. Nostalgisch und durchaus noch sehenswert.
Tragikomödie - ohne Schlüpfrigkeit, 15. August 2006
Die kontroversen Rezensionen auf dieser Seite zeigen, dass Kubricks "Lolita" auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch immer polarisiert. Selbstverständlich ist der Film ein eigenständiges Kunstwerk geworden, das mit dem Roman nur mehr die äußere Handlung gemeinsam hat - zu Ungunsten der Komplexität. Aber Film hat nun einmal eigene Gesetze, und Nabokov hat immerhin auch das Originaldrehbuch geschrieben.
"Lolita" ist eine Tragikomödie. Kubrick ist weit davon entfernt, schmierig oder voyeuristisch zu sein. Er konterkariert manch "heikle" Szene mit Komik und nimmt ihr damit jede Schlüpfrigkeit (diesbezüglicher Höhepunkt: das geradezu slapstickartige Aufstellen des Gästebettes, bevor Humbert erstmals mit Lolita in einem Zimmer übernachtet). Dass Thema, Aufmachung und Filmtechnik noch den späten 1950er Jahren verhaftet sind, machen den Film nur noch authentischer. Die Schwarz-Weiß-Arrangements sind optisch makellos umgesetzt; Kubricks Kamera noch eher statisch.
Die schauspielerischen Leistungen stehen jenseits aller Moden: Shelley Winters als aufdringliche Witwe - nervtötend und gleichzeitig herzzerreißend in ihrer Angst vor Einsamkeit. James Mason als liebeskranker Humbert - nur nach außen hin ein stilles Wasser. Sue Lyon in der Titelrolle - von manchen als miserable Schauspielerin bemäkelt, hat aber dennoch seinerzeit den Golden Globe abgeräumt. Sie schlägt sich in der sehr komplexen Rolle der Lolita durchaus achtbar (Der Schauspielerin selbst hat der frühe Ruhm nicht gut getan, sie hatte dann Skandale, mehrere Scheidungen; seit den 1980er Jahren dreht sie keine Filme mehr).
Die DVD bietet "Lolita" pur in guter SW-Qualität, keine Extras.
Trotz mancher Längen eine interessante Auseinandersetzung mit einem zeitlosen Thema - mit herausragenden darstellerischen Leistungen.
Kubrick hat versagt, 7. Juni 2006
Von wegen der "bessere Lolita-Film", Kubrick hat die Vorlage entweder missverstanden oder - wohl eher - auf eine Art und Weise interpretiert, die zur Banalisierung dieses literarischen Meisterwerkes beiträgt. Er hat den Stoff parodistisch verschlimmbessert: "Lolita" als überkandidelte Komödie und einer Darstellerin, die man besser vorher auf die Schauspielschule geschickt hätte. So viel Talentlosigkeit, vereint in einer Person, dürfte zu den hundert leidvollsten Miscasts der Filmgeschichte gehören (leidvoll für den Zuschauer). Holden geht in Ordnung, aber Lolitas Mutter ist ebenfalls so over the top und vordergründig nervtötend hexig... Das hat Melanie Griffith 1995 besser gemacht, obwohl das auch hart am Limit war zur Trickfigur. Mir ist schleierhaft, warum jemand wie Georg Sesslen diese Verfilmung loben kann und den (sicherlich auch zweifelhaften) Lyne-Film für "dumm" hält. Man sollte den Roman doch lieber lesen statt sehen, er ist in seiner Tiefe sowieso unverfilmbar, es bleibt nur die Oberfläche, die erzählbare Geschichte übrig für den Zuschauer, und somit fehlt das Wesentliche überhaupt. Die Ironie, die unbewusste Demaskierung des "Autors" Humbert Humbert im Text kann Kubrick ohnehin nicht hinüber retten, wollte er wohl auch nicht. Eigentlich jämmerlich, aber zumindest phasenweise goutierbar.
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