Kundenmeinungen
Interpretatorischer Gleichmut, 22. Januar 2008
Uneitel, unprätentiös und versonnen-durchdacht spielt Kempff seinen Schumann. Auch klanglich ganz ausgezeichnete Dokumente eines Klavierspiels, das offenbar keinerlei Wert auf Äusserlichkeiten legte. Vieles mag für heutige Ohren zu un-psychologisch klingen, folgende einer Tendenz zur Zuspitzung der Seelenzustände. Und dennoch: dieser interpretatorische Gleichmut, die apollinische Glätte lässt mich kalt. Schumanns Problematik: Ausbrüche nach innen, Ausbrüche ins Nichts, Abwendungen in die Leere: alles das erlebe ich hier nicht. Die fast unbeteiligte Schönheit dieses Klavierspiels lässt rauhe und ungestüme Passagen ins ästhetisch Leere laufen.
Verachtet mir die Meister nicht!!, 16. September 2007
Wollte man aus heutiger Sicht einen Starpianisten beschreiben, so müsste man zuerst an den Typus eines Lang Lang denken, der mit PR-kompatibel gestylten Haaren die gefühlt 1500. Einspielung von Tschaikowskys b-moll-Konzert vorlegt und sich mit unfehlbarer Treffsicherheit durch die Konzertsäle der Welt donnert. Wie anders wirkte dagegen der 1991 verstorbene deutsche Pianist Wilhelm Kempff. Sieht man heute Fernsehaufzeichnungen seiner Konzerte, begegnet man einem zerbrechlich wirkenden älteren Herrn, der immer etwas weltabgewandt, fast scheu am Flügel sitzt. Tschaikowsky oder Rachmaninow sind von ihm undenkbar. Viel lieber versenkte er sich in Schuberts Sonatenwelt, brachte selten gespielte Werke von Schumann zu Gehör oder führte Beethovens 32 Sonaten zyklisch auf. Trotz dieses ganz und gar unspektakulären Auftretens hat Kempff nach wie vor eine beachtliche Fangemeinde. Bezeichnenderweise weniger in Deutschland als vor allem in Frankreich. Denn bei uns haben deutsche Pianisten seiner Generation keinen allzu guten Ruf, gelten sie doch als akademisch, grüblerisch ernst und trocken, ganz und gar unvirtuos. Wenn jedoch Klavierfreunde jahrzehntelang überall in die Konzerte von Wilhelm Kempff strömten, müssen derartige Vorurteile überprüft werden. Dazu bietet die vorliegende Schumannsammlung reiche Gelegenheit. Die Humoreske op. 20 beispielsweise ist ein selten zu hörendes Hauptwerk Schumanns. Kempff trifft sofort den spezifischen singenden "Schumann-Ton". Schumanns Klaviermusik ist ja u. a. deshalb so schwer zum Klingen zu bringen, weil brillantes Passagenwerk meist genauso fehlt, wie sonorer Oktavendonner. Sie hat weder den funkelnden Glanz Chopinscher Verzierungen noch die dämonische Ausdrucksgewalt Lisztscher Bravourstücke. Alles hängt von der Fantasie, der Phrasierungskunst und der Einfühlungsgabe des Pianisten ab. Alles dies besaß Wilhelm Kempff in Überfülle. Er geht den Anfang von op. 20 vergleichsweise rasch an, aber niemand bringt die Melodie so schön zum Singen wie er. Kempffs Anschlag, sein "Ton" ist schlank, beinahe zierlich, dabei ungemein nuancenreich. Man kann sich wohl keinen größeren Gegensatz zu jenen fleißig übenden und unbeirrbar zuverlässigen Virtuosen amerikanischer, russischer oder chinesischer Herkunft vorstellen, denen bei aller unbestreitbaren Brillanz eine unverkennbare klangliche Identität fehlt, während die großen Pianisten des 20. Jahrhunderts doch gerade ihres individuellen Klanges wegen so einzigartig waren. Wilhelm Kempff ist eben eindeutig von Rubinstein oder Horowitz zu unterscheiden.Dies soll nun keineswegs eine Herabwürdigung technischer Vollkommenheit zugunsten des so genannten "Ausdrucks" bedeuten. Beides gehört zu einer großen Interpretation. Aber speziell bei Schumann gilt, dass ein Pianist, der die technischen Zusammenhänge der Komposition allzu analytisch-eindeutig offen legt, Brillantes allzu eindeutig vom Träumerischen trennt, einen wesentlichen Teil des Schumann-Klanges verfehlt, der sich ja aus kaleidoskopartigen Stimmungsbrechungen, aus romantischer Zweideutigkeit ergibt.Kempff war nun keineswegs nur romantischer Träumer, so wie Schumann nicht nur Eusebius sondern auch Florestan war. Der florestanische Anteil von Schumanns Charakter hat Musikstücke von ungewöhnlicher Erregtheit hervorgebracht. Diese Stücke sind nicht im herkömmlichen Sinne "brillant", verlangen dem Pianisten aber oft extrem schwere Griffe bei hohem Tempo und kompliziertem Rhythmus ab. Hört man die entsprechenden Passagen aus der Humoreske gespielt von Vladimir Ashkenazy, so entpuppt sich die technisch zweifellos Neid erregend gelungene Aufnahme als bloße Virtuosenraserei. Da stellt sich keine Innenspannung ein. Kempff spielt das alles langsamer, auch keineswegs so gleichmäßig wie der technisch überragende Ashkenazy, aber durch kluge Phrasierung und Pointierung, durch ein Nachklingen der erregten Passagen in die Adagiostellen gewinnt das Stück unter seinen Händen Gestalt, wo selbst beim hochkultivierten, durchaus zu ernsthafter Verlangsamung fähigen Ashkenazy an dieser Stelle nur Temporausch bleibt. Anders sieht die Sache bei der C-dur Fantasie op. 17 aus. Während Kempff die gefürchtete Springstelle des zweiten Satzes noch ordentlich meistert, droht ihm der erste Satz zu zerfallen. Hier scheinen technische Begrenzungen anders als in der gerade besprochenen Humoreske doch deutlich den Fluss der Musik zu hemmen. Hier hat Sviatoslaw Richter ganz klar Maßstäbe gesetzt, die Kempff nicht erreichen kann, auch wenn ihm der dritte Satz sehr schön gelingt. Vor diesem Hintergrund war es eine weise Entscheidung, dass Kempff auf die Einspielung der Toccata op. 7 verzichtet hat, weil hier die technische Vollkommenheit zur Sache selbst gehört.Zu den weniger gelungenen Interpretationen gehört die Sonate g-Moll op. 22 und überraschenderweise auch die Kinderszenen op. 15. Das haben Claudio Arrau (op. 15) und Bernd Glemser (op. 22) besser getroffen. Auch Kempffs Kreisleriana op. 16 kann in der vorliegenden Aufnahme nicht restlos überzeugen. Ähnlich wie in op. 17 scheint ihm das Stück in Einzelheiten zu zerfallen, der große Zusammenhang wird nicht hörbar. Die diesbezüglichen Lobeshymnen beziehen sich wohl auf seine Einspielung von 1956/57, die in der Tat besser ist.Das mit Abstand Beste in dieser CD-Box habe ich mir jedoch für den Schluss meiner Rezension aufgehoben: Carnaval op. 9, Symphonische Etüden op.13 und Davidsbündlertänze op. 6. Obwohl das Opus 9 neben Opus 13 zu Schumanns glanzvollsten Klavierstücken zählt, kann ein "Nur-Virtuose" das Stück nicht erobern. Wilhelm Kempff besitzt jedoch die Fantasie, die Anschlags- und Phrasierungskunst, um die Geschichte dieses Maskenballs zu erzählen. Freilich spielt der technisch überlegene Claudio Arrau noch souveräner, aber selbst er kann nicht an Wilhelm Kempffs einzigartig gelungene Mischung aus, tänzerischem Schwung und Humor, Verträumtheit und Grazie heranreichen. Und auch dem pianistischen Glanz bleibt Kempff nichts schuldig. In op. 13 setzt Kempff ungeahnte technische Reserven frei, die man ihm gar nicht zugetraut hätte. Und wie er den Schluss von op. 6 einzigartig zum Klingen bringt, macht ihn zu einem der größten Schumann-Interpreten aller Zeiten. Fazit: Echte Meisterschaft beweist sich nicht nur im Glück des Gelingens, sondern auch im Niveau des Scheiterns. So gesehen bringt uns die vorliegende Box der Musik des romantischen Musikgenies Schumann ebenso nahe wie der beeindruckenden Lebensleistung des Meisterpianisten Wilhelm Kempff. Und das ist allemal 5 Sterne wert.
Meisterhafte Interpretationen, 22. Februar 2007
Schon zu seinen Lebzeiten waren die Schumann-Aufnahmen von Wilhelm Kempff, "einem Preußen, wie Gott ihn liebt" (Joachim Kaiser), begehrt und berühmt, neben Beethoven hat der große Künstler sich wohl keinem anderen Komponisten so oft zugewandt wie dem Romantiker Robert Schumann. Bereits in den 1950er Jahren hatte Kempff, der 1895 im brandenburgischen Jüterbog geboren wurde und 1991 im gesegneten Alter von 95 Jahren in Positano/Italien, wo er seine letzten Lebensjahre verbrachte, verstorben ist, einige herausragende Aufnahmen Schumann'scher Werke aufgezeichnet, noch in Mono-Qualität, von denen besonders die Kreisleriana von 1957 geradezu legendären Ruf genießt. Zwischen 1966 und 1972 hat der Pianist dann noch einmal, nun in Stereo, die wesentlichen Klavierwerke Schumanns auf Platten festgehalten, die von der Deutschen Grammophon Gesellschaft jetzt in einer schönen 4 CD-Box gebündelt wieder veröffentlicht wurden. Er ist eigentlich müßig, Glanzpunkte herausgreifen zu wollen, sämtliche Stücke sind traumhaft schön gespielt, mit wunderbar singendem Anschlag und einer spürbaren inneren Beteiligung, so daß man schlechthin von Idealinterpretationen sprechen kann. Kempff war durch und durch Romantiker, und so konnte er sich auf einzigartige Weise in die Welt des großen sächsischen Komponisten versenken. Geradezu berückend spielt Kempff die Papillons op. 2 und die zauberhaften, verträumten Kinderszenen op. 15.Der Klang der Stereo-Aufnahmen ist ganz natürlich und von einwandfreier Qualität, und auch an dem beigefügten Textheft gibt es nichts zu mäkeln. Wer einen großen Pianisten der alten deutschen Schule mit deutscher romantischer Klaviermusik genießen möchte, der sollte sich das Album so schnell wie möglich beschaffen. Es ist eine echte Bereicherung.
Nach wie vor Referenz, 17. Dezember 2006
Im Schumann-Jahr blieb es ja erschreckend ruhig. In Mozarts Schatten eben.Dann ist es gut, auf diese Anthologie hinzuweisen. Wilhelm Kempff war eigentlich ein Romantiker ( der sich zu Beethoven verirrt hatte). Seine Schubert und Schumann-Interpretationen sind auch nach Jahrzehnten noch in die erste Reihe zu stellen. Sicherlich nicht sonderlich virtuos ( das war Kempff nicht), aber romantisch-schwämerisch, mit hoher Anschlagskultur. So kann man die herrlichen Klavierwerke von Schumann sehr geniessen.Zu diesem Preis gibt es eigentlich keinen besseren Zugang zu einem Großteil des Schumann}schen Klavierwerkes.
Mein Klassiker, 28. November 2002
Kaufen!Wilhelm Kempff ist zwar bei vielen Klassik-Liebhabern als Beethoven-Interpret gespeichert, aber Schumann war seine zweite große Liebe. Und das kann man den Aufnahmen auf diesen CD's anhören, denn einfühlsamer und ich möchte fast sagen authentischer habe ich die Kreisleriana, Carnaval oder die Kinderszenen noch nie beim Hören empfunden. Bei den Davidsbündlertänzen wiederum kommt die Freude und der Spielwitz nicht zu kurz. Und schön, daß man auf dieser Zusammenstellung auch mal weniger oft gehörte Werke Schumann's zu hören bekommt - was wiederum meine eingangs gemachte Bemerkung bestätigt: Kempff hatte ein besonderes Verhältnis zu Schumann, ähnlich dem zu Beethoven, sonst hätte er all diese Stücke wohl nicht eingespielt.Einer der berühmten deutschen Pianisten des vergangenen Jahrhunderts mit deutscher Musik der klassischen Romantik - eine gelungene Kombination, die Maßstäbe gesetzt hat!
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