Kundenmeinungen
Edler Don Carlos, 16. Februar 2007
Kein anderes Opernprojekt lag Giuseppe Verdi mehr am Herzen, als die Vertonung von Schillers Drama "Don Carlos", und mit keinem anderen hatte er mehr Ärger. Der Komponist liebte kurze, prägnante Libretti, die er in einem Zug vertonen konnte. Schillers kompliziertes und seltsam formloses Spanier - Drama bereitete Verdi in dieser Hinsicht große Schwierigkeiten, auch war er, im Gegensatz zu Wagner, nie ein Komponist, der in der Vertonung politischer Streitgespräche, welche in "Don Carlos" eine übergeordnete Rolle spielen, musikalische Erfüllung fand.
Schon bei den Proben für die Urfassung, in französischer Sprache, gab es Probleme, sie erwies sich als viel zu lang, so daß der Komponist einige Szenen steichen mußte und schließlich am 11. März 1867 in Paris eine "Generalprobenfassung" erklang, die keinen eindeutigen Erfolg einbrachte. Noch nach der Uraufführung strich Verdi einiges aus der noch immer nicht zu seiner Zufriedenheit gediehenen Oper und zog sein Werk schließlich zurück. Noch zwei weitere Fassungen komponierte Verdi, ohne allerdings sein Lieblingskind in eine für ihn befriedigende Form bringen zu können. Lange Zeit, bis in die 50er Jahre hinein, wurde eine vieraktige Fassung gespielt, die den ersten, den "Fontainebleau" - Akt, ausspart.
Im Jahr 1958 schließlich feierte das Londoner Opernhaus Covent Garden ihr hundertjähriges Bestehen mit einer Inszenierung des "Don Carlos" in der letzten von Verdi anerkannten "Modena" - Fassung, die den ersten Akt in revidierter Form wieder einschloß. Regie führte der bekannte Film - und Theaterregisseur Luchino Visconti, am Pult stand Carlo Maria Giulini, der zwölf Jahre später auch die Inszenierung mit neuen, größtenteils sehr jungen Sängern ins Studio verlegte. Anders als viele Pultstars seiner Generation galt Giulini immer als ein sehr genauer, verläßlicher und überaus fähiger Dirigent, dem nichts mehr zuwider war, als sich, bzw. seine Interpretation eines Werks in den Vordergrund zu drängen. Diese Tugend kommt auch hier zur Entfaltung, Giulini dirigert souverän, inspiriert und im besten Sinne unauffällig ein hervorragend aufeinander eingespieltes Orchestra of the Covent Garden Opera. Auch das damals noch durch die Bank sehr junge und mit Aufnahmen recht unerfahrene Sängerensemble schlägt sich ausgezeichnet.
Placido Domingo meistert die schwierige und recht undankbare Titelrolle (gleich zu Beginn eine schwierige Arie, danach kein einziges Solo mehr) souverän, zeigt sich hier einmal mehr in bestechender stimmlicher Form und liefert einen beeindruckenden Beweis seiner darstellerischen Intelligenz. Sein in späteren Zeiten dunkel gefärbter Tenor hat hier noch die für einen schwärmerischen Jüngling nötige Strahlkraft und er erweist sich als der (nach Carlo Bergonzi, der ihm in punkto darstellerische Intelligenz noch etwas voraus hat) bislang wohl beste Don Carlos auf CD.
Seine Stiefmutter und Geliebte, die spanische Königin Elisabeth, ist bei Montserrat Caballé in den besten Händen. In der Bühneninszenierung hatte 1958 noch Maria Callas einen begeisternden Eindruck hinterlassen, die Caballé erweist sich als würdige Nachfolgerin, die sowohl mit dem nötigen stimmlichen, als auch darstellerischen Rüstzeug ausgestattet ist, um ein rundum überzeugendes Rollenportrait zu zeigen. Großes Lob für diese große Sängerin.
Ein wenig über das Ziel hinaus schießt Sherrill Milnes in der Rolle des idealistischen Marquis Posa. Zwar gelingt dem Charakterbariton sein Zwiegespräch mit dem König ausgezeichnet und auch seine Szenen mit Don Carlos sind Höhepunkte der Aufnahme, jedoch scheint er, der stets eher in Rollen wie Scarpia, Macbeth oder Amonasro zuhause war, von der Aufgabe, endlich einmal der "Gute" sein zu dürfen, etwas zu begeistert, und "verziert" seinen Gesang des öfteren (besonders in seiner Sterbeszene) mit etwas störenden Seufz - und Schluchzeffekten, was den positiven Gesamteindruck etwas einschränkt.
Schlichtweg hervorrangend ist die Prinzessin Eboli von Shirley Verrett. Ihr kraftvoller Mezzo ist wie geschaffen für die intrigante Hofdame, auch darstellerisch gibt es keinen Kritikpunkt. Für mich die beste Eboli, man höre nur ihre Interpretation des "Liedes vom Schleier".
Die wohl schwierigste Aufgabe in dieser Aufnahme fällt Ruggero Raimondi zu. Der damals gerade einmal 29 - jährige Baßbariton muß sich in den alternden, verbitterten König Philipp II. hineinversetzen, was ihm größtenteils ausgezeichnet gelingt, allein in den dramatischen Szenen, wo er stimmlich das ein oder andere mal aus der Linie fällt, hört man die damals noch fehlende Erfahrung heraus. Dafür gelingt ihm der lange, schwere Monolog "Ella giammai m'amò!" und die anschließende Szene mit dem Großinquisitor hervorragend.
Weitere Glanzpunkte vermögen Giovanni Foiani als eben erwähnter Großinquisitor, Simon Estes als Mönch (Karl V.), sowie Delia Wallis als Tebaldo zu setzen, die somit den positiven Gesamteindruck dieser Einspielung abrunden.
Auch ein großes Lob an den Ambrosian Opera Chorus, der die großen Massenszenen eindrucksvoll untermalt und mit großer Präzision agiert.
Ihr mittlerweile recht stolzes Alter hört man der Aufnahme dank der Arbeit der EMI - Toningenieure kaum an, es gibt nur ein leises, nie störendes Grundrauschen.
Insgesamt wohl die überzeugendste "Don Carlos" - Aufnahme in der italienischen Fassung auf dem Markt.
Verdi auf höchster Ebene, 16. März 2006
Was mag wohl bongo1971 aus Bella Italia veranlaßt haben, diese wunderbare Aufnahme so zu verreißen? Nicht nur in Deutschland, sondern international gilt sie bis heute als eine der besten Aufführungen des Werkes auf Tonträger. Und eine Verbindung mit Lortzing kann ich nun beim besten Willen nirgends herstellen.
Aber was soll's! Natürlich kann man über die Besetzung der einen oder anderen Partie geteilter Meinung sein. Auch ich ziehe Boris Christoff als Philipp II. Raimondi vor, das ist aber fast schon der einzige ernsthafte Einwand. Raimondi singt die Partie souverän, aber seine Stimme ist nicht rollendeckend, sie klingt einfach zu "jung". Aber völlig unbegreiflich ist mir, daß man Antonietta Stella oder Mario Filippeschi als Belcantisten bezeichnen kann. Filippeschi ist als Carlos in der Santini-Aufnahme von 1952 mehr zu erleiden als zu erleben, und auch die Stella kommt weder gesanglich noch gestalterisch an Montserrat Caballé heran, die hier eine ihrer besten Leistungen auf Platte erbringt. Placido Domingo war zum Zeitpunkt der Aufnahme noch in Bestform, die Rollen der Eboli und des Posa sind mit Shirley Verrett und Sherrill Milnes glänzend besetzt, Chor und Orchester der Covent Garden Opera werden von Carlo Maria Giulini, einem der besten und gewiß dem nobelsten italienischen Dirigenten des 20. Jahrhunderts, souverän geführt und folgen seinen Intentionen ohne Tadel.
Ich habe mir die Mühe gemacht, Vergleiche anzustellen mit den Aufnahmen von Gabriele Santini (1962, DGG), erstklassig besetzt, aber genau wie seine 10 Jahre früher bei EMI entstandene Einspielung durch die Besetzung der Titelpartie (diesmal mit Flaviano Labó) beeinträchtigt, dann mit Soltis legendärer Aufnahme von 1965 (mit Tebaldi/Bumbry/Bergonzi/Fischer-Dieskau/Ghiaurov sängerisch luxuriös ausgestattet) sowie mit Karajans beeindruckender Interpretation auf EMI, die aber sängerisch nicht in allen Teilen überzeugt und nur die vieraktige Fassung enthält.
Fazit: Alle Aufnahmen haben Stärken und Schwächen, aber letztendlich würde ich die Palme an Giulini vergeben. Gleich danach rangiert Solti. Er verfügt mit Carlo Bergonzi über den besten aller Darsteller des Titelhelden.
Lächerlich? Tragisch? -, 11. März 2006
Die Rezension aus "Bella Italia" ist wirklich mehr als irritierend. Wer die Behauptung aufstellt, daß das deutsche Opernpublikum "keine Ahnung" hat, der hat wirklich keine Ahnung! Wenn unsere Opernhäuser heute nicht mehr "ziehen", so liegt das sicherlich nicht an der Inkompetenz des deutschen Opernbesuchers, sondern höchstens und mehrheitlich an den sogenannten Inszenierungen, die uns dort seit einigen Jahren zugemutet werden. Gerade Deutschland war bis in die jüngste Vergangenheit für seine Opernhäuser und seine Emsembles bekannt und berühmt. - Placido Domingo ist heute, 2006, sicher weit über seinen Zenit hinaus, um es einmal ganz vorsichtig zu formulieren, aber 1971, zur Zeit der hier zur Debatte stehenden Aufnahme, war er ein wunderbarer Tenor, und wer gegen ihn Fillipeschi ins Feld führt (in Santinis Carlos-Aufnahme von 1954 zu erleiden), an dessen Hörgefühl seien Zweifel erlaubt. Auch Antonietta Stella war niemals eine erstklassige Sängerin, schon gar keine Elisabetta (nachzuprüfen in der DGG-Aufnahme von 1962, ebenfalls unter Santini). Ganz sicher wäre eine Maria Callas auf der Höhe ihrer Karriere die Idealbesetzung für diese Rolle gewesen, aber Montserrat Caballe als Schreierin zu apostrophieren, das ist wirklich schon ein starkes Stück. Ich persönlich halte Soltis DON CARLOS für die erste Wahl, aber Giulini hat 1971 eine wunderbare Einspielung vorgelegt, die in allen Hauptrollen gute bis sehr gute Sänger aufzubieten hatte. Raimondi wirkt mir als Philipp etwas zu jung, da ziehe ich Boris Christoff eindeutig vor, aber es gibt bis heute eben kaum eine Gesamtaufnahme eines Werkes, die wirklich keine einzige Besetzungsschwäche aufzuweisen hätte. Was aber Lortzing mit der vorliegenden Besetzung zu tun haben soll, das ist und bleibt mir schleierhaft. Hat "Bella Italia" hier irgend etwas verwechselt, oder was ist hier gemeint? Ich habe in diesem CARLOS weder Rudolf Schock noch Ingeborg Hallstein oder Anneliese Rothenberger auf der Besetzungsliste gesehen.
Eine wunderbare Verdi-Aufnahme, 10. März 2006
Verdis Don Carlos ist für mich seine überzeugendste Oper und gleichzeitig seine beste Umsetzung einer literarischen Vorlage. Es gibt denn auch wunderbare Einspielungen dieses Werkes. Ich nenne als beispielhaft Santini (EMI, 1954), Santini (DGG, 1961), Solti (Decca, 1965) und Karajan (EMI, 1978), wobei die erste und letztgenannte Aufnahme nur die 4-aktige Fassung enthalten.
Die hier zur Debatte stehende Giulini-Einspielung von 1971 ist für mich von allen vorliegenden die schlüssigste. Zunächst einmal hat sie mit Montserrat Caballé, Shirley Verrett, Placido Domingo, Sherrill Milnes und Ruggero Raimondi eine fantastische Sängerschar aufzuweisen, die bis in die Nebenpartien höchsten Standard hält. Vor allem die Caballé überzeugt hier und ist für mich die beste Rollenvertreterin auf Platte überhaupt (leider hat Maria Callas nie die Chance einer Gesamtaufnahme geboten bekommen). Raimondis Stimme ist vielleicht eine Spur zu jung für die Rolle des Philipp (da überzeugen Boris Christoff und Nicolai Ghiaurov mehr), aber auch er meistert mit seiner wunderbaren Stimme die schwierige Partie tadelsfrei. Placido Domingo mag nicht ganz so gut sein wie sei Kollege Carlo Bergonzi bei Solti, doch an seiner Gesamtleistung gibt es nichts Gravierendes auszusetzen. Verrett, Milnes und Foiani (als Großinquisitor) singen und gestalten sehr eindrucksvoll. Nicht zuletzt ausschlaggebend für die gelungene Aufführung sind Chor und Orchester der Covent Garden Opera London unter der Leitung von Carlo Maria Giulini. Der Dirigent hat den großen Chor- und Orchesterapparat souverän im Griff, und es ist erstaunlich, welche Feinheiten er aus der Partitur zutage fördert. Ich halte diese Aufnahme für eine der besten, die dieser große Dirigent uns hinterlassen hat. Wir können der EMI dankbar sein, daß sie in der Reihe "Great Recording of the Century" ihren gebührenden Platz gefunden hat. Klang und Ausstattung lassen keine Wünsche offen.
Ein DRAMA!, 17. November 2005
Wie schon die meisten bisherigen Rezensenten möchte auch ich mich dem Fazit anschliessen: Für mich ist dieser Don Carlo schlicht der beste, den es auf CD zu kaufen gibt! Placido Domingo, Montserrat Caballé, Sherill Milnes und Ruggiero Raimondi brillieren stimmlich, wobei Milnes als Posa ganz leicht abfällt. Schlicht grandios ist das emotionsglühende Dirigat Giulinis, der das Orchester befeuert und der Begleitmusik eine auch auf CD äusserst präsente Dramatik und Intensität verleiht.
Mein Komplimment geht ausserdem an die EMI, die auch hier wieder ein brillant restauriertes Werk vorlegt, dem man sein refes Alter klanglich kaum anmerkt: Selbst mit moderner Anlage und über Kopfhörer stören keien Nebengeräusche und das Rauschen ist minimalst gehalten - die Klanqualität muss keinen Vergleich mit modernen Aufnahmen scheuen.
|