Beschreibung
Stanley Kubricks vorletzter Film aus dem Jahre 1987 erschien vielen Leuten als zu künstlerisch und entsprach nicht der Mode der 80er Jahre, die sich auf solch extrem realistische Porträts des Vietnamkriegs wie Platoon und Die durch die Hölle gehen konzentrierte. Sicherlich gab Kubrick dem Publikum genug Anlass, sich darüber zu wundern, weshalb er den Film überhaupt gemacht hatte: Full Metal Jacket, der im Grunde genommen ein zweiteiliges Drama darstellt, das in einem Trainingslager für zukünftige US-Marines auf Parris Island beginnt und abrupt nach Vietnam wechselt (es wurde in Studios und an Drehorten in der Nähe von London gedreht), ist eine Aneinanderreihung von in sich abgeschlossenen Kapiteln einer Geschichte, deren Logik und Handlungsablauf bestenfalls als nicht geradlinig bezeichnet werden kann. Andererseits wurde über Kubricks 2001 - Odyssee im Weltraum, ein Meisterwerk, das sich sowohl voller Begeisterung als auch auf satirische Art und Weise mit der Rolle der Zukunft innerhalb der unfertigen menschlichen Entwicklung auseinander setzt, ungefähr das Gleiche gesagt. Full Metal Jacket kann auf gewisse Weise als grimmiges Gegenstück zu 2001 betrachtet werden. Während letzterer mit seinem kritischen und zugleich unschuldigen Ansatz ein wahrer 60er-Jahre-Film ist und die Verquickung von Fortschritt und Isolation behandelt (die in unserer Erlösung durch den Tod endet), betrachtet Full Metal Jacket die 60er Jahre mit ihrem Appetit auf Erfahrungen und Bewusstsein, der in Gewalt ausartete, aus dem Blickwinkel der Bush-Ära. Lee Ermey schrieb als Ausbilder der Marines Filmgeschichte, dessen ritualisierte Erniedrigung der Männer im Namen der Gleichmacherei in einem mörderischen Schwachkopf (Vincent D'Onofrio) einen Racheengel schuf. Matthew Modine liefert als Private Joker, dem ständig herumwitzelnden Militärberichterstatter, der sich danach sehnt, der Propagandamaschinerie zu entkommen und die grausame Wahrheit der Fronteinsätze aus erster Hand zu erfahren, eine clevere und ausgebuffte Vorstellung. In Full Metal Jacket gehen Erfüllung und Verderbtheit Hand in Hand, und es ist kein Wunder, warum Kubrick solch eine eiserne Distanz zu dem Material wahrte, um seinen Standpunkt zu verdeutlichen. --Tom Keogh
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Kundenmeinungen
Das ist mein Stolz und das ist mein Gewehr..., 22. November 2007
Full Metal Jacket ist in seiner ganz offensichtlichen Andersartigkeit gegenüber "herkömmlichen" Kriegs- oder Antikriegsfilmen ein typisches Kubrick-Werk. Der mit cineastischem Genius beschenkte Kubrick war stets ein Meister darin, Geschichten aus neuartigen Perspektiven zu erzählen, sie bis auf ihr erzählerisches Grundgerüst auszubeinen und dann völlig neu aufzubauen um damit im Resultat alle Konventionen hinter sich zu lassen. So auch hier. Die Zweiteilung des Films ist derart offensichtlich, dass sie jedem vor Augen geführt wird. Der weitaus intensivere erste Teil schildert die Rekrutenausbildung an der Heimatfront und geht - ohne jede Kriegshandlung - mehr unter die Haut als der vergleichsweise konservativ erzählte zweite Teil des Films. Die Entmenschlichung und Entindividualisierung des Einzelnen zugunsten der Schaffung funktionierender Tötungsmaschinen wird ebenso drastisch wie realitätsnah vor Augen geführt. Die Maßnahme dieses strengen Drills dient der Leistungssteigerung des Rekruten ebenso wie dessen Selbstschutzes im Angesicht der späteren Gefahr. Die Auswirkungen auf dessen Psyche und Persönlichkeit sind in Kriegszeiten zu vernachlässigen. Kubrick vermittelt diese Aussage fast dokumentarisch und ohne jeden unangebrachten Patriotismus, ohne Beschönigung aber nicht ohne Wertung, auch wenn sie zwischen den Zeilen steht und erst im Kopf des Betrachters entstehen soll.
Der zweite Akt folgt dem ersten mit einem gewollt harten Bruch, schildert in eher bekannter Weise das Leben und Sterben an der Front. Harte Bilder zwar - aber auch gewohnte durch unzählige andere Kriegsfilme. Natürlich sieht man auch hier manches aus spezieller Kubrick-Sichtweise, hört für einen Kriegsfilm ungewöhnliche Dialoge ("Auf Ihrem Helm steht Born to kill und Sie tragen einen Button mit Friedenssymbol?") . Aber der zweite Teil berührt einen irgendwie nie so direkt wie der vielfach intensivere erste Part, unterscheidet sich nicht allzu sehr von Movies wie Apocalypse Now oder Platoon. Das Genie des Movie-Magiers Kubrick ist hier weit weniger spürbar als in den Sequenzen auf Parris Island. Da beim detailbesessenen Kubrick stets alles berechnet war wird sich auch dahinter eine tiefere Absicht verbergen. Vielleicht die, dass die Schrecken des Krieges im vermeintlich ruhigen Hinter- oder Heimatland oft noch schrecklichere Folgen zeitigen denn direkt vor Ort unter feindlichem Beschuss?
Nur Konsequent dass der Film ohne wirkliches Ende endet, sich an einer mehr oder minder beliebgen Stelle aus der Schilderung der Ereignisse ausklinkt. Kein Happy End, keine abgeschlossene Geschichte, keine Helden, nur banale Realität und die Konzentration auf den nächsten Kampf.
Auf jeden Fall ein Meisterwerk, wie alle Kubrick-Werke. Kino als Kunstform mit einer Aussage, die viele erreichen möchte und das am besten erreicht indem sie viele unterhält.
"Wohl nur Luft im Sack, was?" "Sir, jawohl, Sir!", 7. November 2007
Ich bin hier, um [das] Töten zu lernen. Mit dieser Ankündigung des jungen Rekruten Joker beginnt Kubricks Anti-Kriegs-Klassiker, der im Jahr 1967 spielt. Und genau das lernt er von seinem Sergerant Hartman, der auf die jungen Rekruten unmenschlichen psychischen und physischen Druck ausübt. Besonders der junge Paula zerbricht schließlich an den Bestrafungsaktionen und erschießt sich selbst. In der nächsten Szene verstört Kubrick den Zuschauer durch einen harten Schnitt, und das Geschehen findet im Urwald von Vietnam seine Fortsetzung. Dort kann Joker, dessen Helm von einem peace-Zeichen und dem Slogan born to kill verschönert wird, seine Kenntnisse praktisch anwenden. Aus ihm ist der ideale Soldat geworden- frei von jeglicher Empathie und jeglichem Mitleid. Eine Maschine.
Dank des Meister-Regisseurs Kubrick ist dieses Bild des Krieges nicht überzeichnet, sondern wieder einmal erschreckend real.
Wir sind verdammt zu sterben, 30. Oktober 2007
Kubrick ist wohl neben Ingmar Bergmann der Gigant unter den Regisseuren und vielleicht der "beste" Filmemacher aller Zeiten. Ich unterscheide zwischen Regisseur und Filmemacher deshalb, weil Kubrick alle seine Filme nicht nur dirigiert hat, er hat auch die meisten Drehbücher selber geschrieben oder sie produziert. Er war ein Perfektionist und ein besessner Detailfanatiker. Darum ist solch ein Film wie "2001" immer noch ansehbar, obwohl sich in den letzten dreißig Jahren soviel durch die Computeranimation getan hat. Kubrick ging es immer um die Glaubwürdigkeit seiner Stoffe, egal welchem Genre sie angehörten und manchmal sprengte er auch das Genre selber, so auch in "FullMetalJacket".
Wer glaubt, dieser Film sei ein Kriegs- bzw. Antikriegsfilm oder einer der inflationären Vietnambauchnabelbeweihräucherungen amerikanischer Art, der irrt. Wie in, meiner Meinung nach besten Film, "Wege zum Ruhm", geht es um die erbärmliche Manipulierbarkeit des Menschen. Es geht um Propaganda, Hirnwäsche, Medienbetrug und Lebenslügen. Es geht um das Kalkül der Macht, das nicht danach fragt, was sinnvoll ist, sondern wieviel eine Opferung einbringt. Kubrick ist ein "Psychoanalytiker des kalten Krieges", das beweist er in "Dr. Seltsam" ebenso wie in "FullMetallJacket". Er greift den Apparat an, nicht das Individuum. Er macht Prozess mit den Eigendynamiken unserer modernen Gesellschaft. Ihn interessiert nicht die romantisierenden Freiheitsvorstellungen des Einzelnen, nicht das "private Glück", sondern unsere Determinanten. Das macht Kubrick zu einem "politischen" Filmemacher, ob er es wollte oder nicht. "FullMetalJacket" ist eine Abrechnung mit dem amerikanischen Militärapparat und mit der andressierten Gewaltbereitschaft der Soldaten, deren "Tötungsdelikte" nichts weiter als Übersprungshandlungen in einem absurden Theaterstück sind. Darum wirken auch die letzten Schlussminuten diese Films wie bei einem Stück von Samuel Beckett, den Kubrick sehr verehrte. Wir sind mit unserer existenziellen Absurdität ins Niemandsland verschoben und schauen dem Dominoeffekt hilflos und fatalistisch zu, den wir durch unser falsches Kalkül losgetreten haben. Ein Film, der auch zur Klimakatastrophe und jeder Endzeitstimmung passen würde.
Mehr Kunstfilm als Kriegsepos - trotzdem ein durchaus gelungener Streifen des Altmeisters!, 9. September 2007
Vorab:
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Zugegeben: Es gibt etliche Filme, die sich mit dem amerikanischen Trauma des Vietnamkrieges auseinander gesetzt haben. Angefangen bei Klassikern wie Platoon oder Deer Hunter, bis hin zu subtileren Anspielungen wie Predator I. Kubricks Machwerk hingegen schlittert an der Kongenialität mancher dieser Filme haarscharf vorbei, da es sich meiner Meinung nach, eher um einen versteckten Kunstfilm handelt, als um ein Kriegsepos. Dieser Eindruck wird vor Allem von der Tatsache geprägt, dass es sich bei FMJ eigentlich um zwei unabhängig voneinander stattfindende Filme handelt, die nur lose durch ihre Protagonisten miteinander verbunden sind.
Zum Film:
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Der erste Teil des Filmes zeigt die Ausbildung der Marines und endet schließlich im Debakel von Private Paula (Vincent Donofrio), der (in der letzten Nacht der Ausbildung) sich und den Drill Seargant erschießt. Die Phase der Ausbildung wird geschickt als einen Automatismus der Identitätslöschung karikiert. Männlichkeitsriten wechseln sich mit Machogehabe ab und kulminieren in einem großen undurchsichtigen Durcheinander. Kinder werden zum Töten ausgebildet.
An dieser Stelle tritt ein stilistischer Bruch ein, der dem Film einen beinahe schizophrenen Charakter verleiht.
Der zweite Teil des Filmes spielt in Vietnam und zeigt dort in voller Länge, wenn auch nicht sehr dramatisch, den Alltag. Über den Protagonisten schwebt kontinuierlich eine Wolke von Sarkasmus und Ironie, sodass der Zuschauer nur schwer erraten kann, inwiefern was ernst gemeint ist. Hier kulminiert die Handlung in der widersprüchlichen Tat, mit der Private Joker den Film beendet. Neben dem Friedenssymbol thront die Aufschrift BORN TO KILL auf seinem Helm und wickelt die Gefühle der Zuschauer in ein Spiel aus Zwietracht und Ungläubigkeit.
Soviel zur Handlung.
Fazit:
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FMJ ist durchaus ein gelungener Film eines begnadeten Regisseurs. Die künstlerischen Ansätze nehmen der Handlung jedoch einiges an Dramaturgie und so hinkt FMJ deutlich hinter Filmen her, wie Platoon und Apocalypse Now Redux welche sind. Trotzdem handelt es sich hierbei natürlich um einen Klassiker, der in keiner Sammlung fehlen sollte.
Stanley Kubrick at it's best...!, 6. September 2007
Dieser Film ist, meiner Meinung nach, ein Meilenstein. Nicht nur im Genre "Anti-Kriegsfilm", sondern auch in der Hinsicht auf die Akteure und die Geschichte, die sie erzählen. Das beste am Film sind nicht nur die ersten 40 Minuten, sondern das Gesamtbild, welches er hinterlässt. Es ist einfach kein durchschnittlicher Anti-Kriegsfilm und es ist auch kein platter Schießfilm nach Oliver Stone oder Ridley Scott. Ich weiß da garnicht, wo ich anfangen soll diesen Film zu loben. Der Streifen symbolisiert die Dualität des Menschen und wie sie im Extremfall, wie zum Beispiel im Krieg, zu Tage tritt. Dabei wird einfach schonungslos gezeigt, wie pervers das sein kann. Es werden Szenen aus "Easy Rider" quasi nachgestellt, nur mit völlig anderem Inhalt und Gesprächsthema. Da stehen 6 GI's um ihren gerade gefallenen Kameraden herum und erzählen sich, wie dieser noch zu Lebzeiten 12x am Tag gewichst hat. Die Hauptfigur, Private Joker, gibt sich immer als gelassen und abgebrüht. "Ich war schon in der Scheiße man! Nur ein blutiger Tag ist ein guter Tag!" Aber als er bei der überraschenden Ted-Offensive ans MG muss, ist er garnicht mehr so cool. "Ich bin noch nicht bereit für die Scheiße, man!" Absolut genial! Die Dualität des Menschen trägt er ja auch nicht ohne Grund an seinem Helm zur Schau. Natürlich sind alle um ihn herum die abgebrühten Kerle und die coolen Amerikaner. Niemand soll sich da vor den Kameraden die Blöße geben. Vietnamesische Prostituierte werden wie Gegenstände behandelt, bezahlt und dann gehts weiter...ganz einfach...da gibt es keine Helden.
Sergant Hartman wollte Killer und er hat seine Killer bekommen...ich will nicht zu viel verraten. Also dieser Film ist Kult! Den muss man sich angucken. Es ist kein tumbes Geballer oder Geschieße, der Streifen behandelt tatsächlich das grauenhafte Phänomen Krieg und die Menschen darin, auch wenn er nur die amerikanische Seite zeigt. Dieser Film ist pervers, rassistisch, vulgär, kaltherzig, knallhart und einfach schonungslos. Sowohl in dem was er zeigt, als auch in dem, was er darstellt. Ein Kunstwerk sondergleichen. Ein echter Stanley Kubricks eben.
Die beste Szene im Film: Private Joker interviewt den Bordschützen eines Helikopters, welcher gerade munter auf fliehende Zivilisten schießt. Nach ein paar gewechselten Worten fragt Joker ihn, ob er denn schon einmal Frauen oder Kinder erschossen hat. Und dieser antwortet mit "Kommt schon vor. Man darf es sich nur nicht vor halten!" Joker guckt ihn angewidert an und der Bordschütze verzieht nur ein Grinsen und sagt lachend: "Krieg ist die Hölle!"
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