Kundenmeinungen
Der Urknall., 28. Oktober 2007
Für mich der Urknall der Disrevolution: '89 auf dem Alexanderplatz in Ost-Berlin, 16 Jahre nach meiner Geburt, 10 Jahre nach ihrem Erscheinen, 2 Wochen vor dem ersten Begrüßungsgeld, 1 Woche nach dem Beginn meiner ersten Liebe. Eine nacktes, schwarzes Stück Leinwand, in weißen Strichen aufgepinselt: Wut, Verzweiflung und so etwas wie Liebe. Nie wieder hat mich handgemachte Musik so bewegt. Bislang ungekannt war diese Kraft kumulierender Schatten. Ian Curtis' ungeschönter Barriton dröhnte in mein Ohr und ich wußte: das ist meine Seele. "Unknown Pleasures" war kein Punk, kein Pop, kein New Wave. Das war die Quelle all dessen. So leise und laut wie ein erstickter Schrei.
Depression in Perfektion, 12. März 2007
Dieses Meisterwerk von einem Album ist nichts für Menschen, die immer fröhlich sind, die sich noch nie völlig verloren und einsam gefühlt haben, die noch nie enttäuscht von der ganzen Welt waren, die sich noch nie nach dem Sinn gefragt haben.
Alle anderen, die sich auf dieses Album einlassen (wollen), werden sich verstanden fühlen. Denn die Songs sind sehr düster. Alles, von Drums über Gitarren bis hin zur unglaublichen Stimme Ian Curtis', die mit den depressiven Texten einen Großteil des Sounds ausmacht, ist düster. Und trotzdem ist man überzeugt, dass alles, was man hört, die Wahrheit ist, dass alles stimmt, dass es nicht an einem selbst liegt, der die Dinge und die Menschen und die Welt als sowas Schlechtes sieht. Deswegen hilft es einem, trotzdem es so unfassbar depressiv ist, weiter. Es ist einfach großartig.
"...but I remember when we were young", 4. November 2006
Manchester, Ende der Siebziger. Die Punkwelle, die mit zwei Gigs der Sex Pistols 1976 angeschwemmt worden ist, infiziert unzählige, orientierungslose und unzufriedene junge Menschen, selbst eine Band zu gründen und ein musikalisches Ventil für ihren Unmut zu suchen. Neben den Buzzcoks oder Magazine sind es vor allem Joy Division, die innerhalb von drei Jahren von einer völligen Anfängerband zu einem der wichtigsten Ensembles der späten Siebziger avancieren.
Die Ästhetik, die Ian Curtis (Lyrics, Gesang), Peter Hook (Bass), Bernard Albrecht aka Bernard Barney Sumner (Gitarre, Synthesizer) und Stephen Morris (Schlagzeug) unter prägenden Einflüssen wie Velvet Underground, The Doors, Iggy Pop & The Stooges sowie deutsche Bands wie Can und Kraftwerk, vor allem aber dank der eigenen Originalität kreiert, ist selbst eine Ästhetik des Zerfalls, der Melancholie. 1979 erscheint endlich das erste Album. UNKNOWN PLEASURES ist nichts weniger als in Musik verewigter Lebensüberdruss, für den der zeitlebens von schweren Depressionen und Epilepsie geplagte Ian Curtis wie vielleicht kein anderer Protagonist der Rockgeschichte steht. Auch wegen der brutalen, rückhaltlosen Monstrosität von Ian Curtis Lyrics ging die Band in die Geschichte ein, polarisierte aber naturgemäß. Die Band wurde schon mal als Großhändler in Weltuntergangsgefühlen gescholten, andere wiederum priesen Joy Division als Ensemble, das sich "dem Lebensüberdruss stellt" und "Tragödie zu Glorie erheben" konnte (Lexikon der Rockmusik).
Von Disorder bis zum spukigen Closer I Remember Nothing zieht sich diese tiefschwarze Stimmung nahtlos bis zum Ende durch. Einzig das vorletzte Stück Interzone klingt in etwa wie ein klassischer Rocksong, irgendwo zwischen Punk und rudimentärem Hardrock. Der Rest klingt eben wie nichts anderes. So wummert die Bassdrum bedrohlich, Peter Hooks Bassgitarre ist de facto auffälligstes Instrument, und die rudimentären, kaputt klingenden Gitarrenakkorde und licks von Bernard Albrecht sind in den Hintergrund gemischt. Die unmittelbare Aggressivität wird verwischt. Die Leere, die bleibt, ist nichts weniger als jene Melancholie, aus der sich die meisten alternativen bzw.indie- Bands der Achtziger nur langsam und mühsam befreien würden. Ian Curtis Stimme steht für ein Paradoxon: Eigentlich konnte er gar nicht singen (so Peter Hook rückblickend), trotzdem beeindruckte er mit seiner grabestiefen Stimme, die Jim Morrison zu imitierten suchte, viele, darunter auch einen gewissen Paul Newman, der wenig später als Bono Vox mit U2 Karriere machen sollte.
Nach Joy Division sollte die Rockmusik nicht mehr so sein wie vorher, die Band warf einen langen Schatten.
Auch Bauhaus, The Cure, Siouxsie And The Banshees wie viele andere haben in der Folge ihr Hauptaugenmerk auf das Morbide gelegt. Was Joy Division von den eben genannten Gruppen vielleicht grundlegend - beängstigend?- unterscheidet: Sie sind so gut, dass sie nichts "künstlich" ins Schrille übersteigern müssen. Im Gegenteil ist es gerade die scheinbare Abwesenheit von Emotionalität durch die "kalt" wirkende Rationalität, Reduktion, Sparsamkeit der Musik, die im Kopf ein Bild entstehen lässt, das nur die Farben des enigmatischen Albumcovers kennt - schwarz und weiß. Eine gespenstische, kafkaesk-entfremdete Atmosphäre, die Ian Curtis nahezu psychopathischem Gefühl der totalen menschlichen Entfremdung entsprachen" (Lexikon der Rockmusik).
Joy Division haben nur ganze zwei Alben hingelegt, UNKNOWN PLEASURES (1979) und im Jahr darauf CLOSER. Die aber sind von einer Perfektion, wie man sie selten antrifft. Mit CLOSER sollte die Band sogar imstande sein, sich selbst zu übertreffen.
Dann war es aus. Ian Curtis hatte sich das Leben genommen.
P.S. Für die originellen Sounds zeichnen sowohl Band als auch Produzent verantwortlich. Peter Hook erfand die ungewöhnlich hohen Basstöne, die wie eine Gitarre klingen - man höre Shes Lost Control. Der Produzent des Labels (Factoy), Martin Hannett, den mit der Band ein schwieriges Verhältnis verband, verdankt seinen Ruhm zum großen Teil auch diesem seinem eigenen ersten Meisterwerk, indem er die elementaren Bestandteile der Instrumentierung in ihre Einzelteile zerlegte und verblüffend originell akzentuierte. Weiters integrierte er spukige Sounds wie splitterndes Glas (I Remember Nothing) oder schließende Garagentore (Insight) in die Songs. Auf diese Weise half er entscheidend mit, eine Ästhetik zu schaffen, die weg von der Direktheit des (Punk-)Rock ging, subtilere Stimmungen auslotete, treibende Rhythmen akzentuierte, eine Brücke zum Dance schlug und so für ein weiteres Paradoxon sorgte: Joy Division war tanzbar!
Aus dem Schatten heraus..., 6. November 2004
Als eine der ersten echten Alternative-Bands legten Joy Division mit ihrem chronisch depressiven Frontmann Ian Curtis 1979 dieses kleine Meisterwerk vor. Die Songs, getragen von den melancholisch-depressiven Texten und der manchmal fast verzweifelnden Stimme Ian Curtis` , strahlen auch heute noch eine unglaubliche Intensivität und Düsternis aus. Für manche vielleicht auch zu viel Pessimismus, aber da gibt's kein Pardon: Hier ist keine Platz für Hoffnung oder ähnliche Gefühle. Die Musik selbst ist relativ einfach strukturiert, was die kalte Austrahlung der Songs nur noch weiter verstärkt. Alle Songs sind durchweg auf einem Niveau, Ausfälle gibt es keine. Letztlich nur noch übertroffen von Closer (1980), welches dann leider auch schon das letzte Studiolalbum gewesen ist, bevor Ian Curtis sich das Leben nahm.
Meilenstein: Prägenes Debut der Giganten der UK Musikszene!, 22. März 2003
Nun,was die Sicht meiner Vorgänger-Kommentatoren angeht, kann ich dabei nicht gänzlich Zustimmung finden: Die Auslegung der Negativ-Stimmung auf der Platte ist durchaus in einem nüchtern, menschlichen Maß gehalten. Die Band (mit Allem was sie ausmacht), gibt den esrten Takt für die Era des englischen Goth-Rock an. Oft als Götterväter des Gothic angepriesen sind Joy Division schon von Beginn an scheinbar post-punkig beeinflusst; Etwa in "Inisght" oder auch "She's Lost Control" kommt in mir die Stimmung des Betretens eines neuen Underground-Jahzenthnts auf... Der Sound ist wahrhaft Bass-lastig, und dringt sehr tief - die Musik bleibt nie an der Oberfläche. Stimmungstechnisch einfach realistisch human, - ja fast mitfühlend. Das ist und bleibt die Qualität dieser Band, dessen Zeit viel zu schnell (und doch auf so seltsam "natürleiche" Weise) abgelaufen ist! *+****+*+
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