Kundenmeinungen
Preiswürdig?, 2. Februar 2008
Ich weiß nicht. Ich glaube, die Bücher von Schenkel bekommen Preise, weil sie anders sind als andere Krimis, und genau da ist das Problem, denn in Wirklichkeit sind es keine Krimis. Stilistisch kann man sich ja streiten, ich finde es eine Zumutung, zumal die Sprache nicht zur erzählten Zeit passt und streckenweise einfach zu heutig und modern ist. Der Rest ist holprig, was viele offenbar charmant finden. Der Inhalt lässt mich kalt, was an der Art der Erzählung liegt. Leider finde ich keinen Zugang zu ihren Büchern.
O tempora o mores!, 30. Januar 2008
Natürlich ist einem "libertären" Verlag (Siehe Homepage Nautilus) gestattet, sich die Freiheit zu nehmen, eine Erzählung wie Kalteis in Verkehr zu bringen. Die Hoffnung, dass das Büchlein zum Bestseller taugt, lag dagegen wohl eher in der Freudschen Theorie begründet, dass jedem Menschen eine Perversion inne liege. Die Kunst, möglichst viele Pervertierte in möglichst kurzer Zeit mit der Nase auf jene Neuerscheinung zu stoßen, hat offensichtlich eine medienpräsente Person vollbracht, die laut eigener Publikationen viel auf pervertierten Lebenstil gibt.
Ich mag gar nicht darüber nachdenken, wie einige jener armen Seelen die eigentliche Handlung fix nach den Straftaten gegen die körperliche Unversehrtheit durchsucht haben; und das hat weder das Büchlein, noch die Autorin verdient.
Sie hat zumindest versucht, eine naiv-düstere Stimmung zu zaubern, die dem leichten Gemüt einen wohligen Schauder über den Rücken jagt. Die Verlagerung der Handlung in die Vergangenheit, relativiert den Reiz des Verbotenen, in die Intimsphäre eines Mörders und eines dummen Mädchens einzudringen. Ganz am Ende hatte ich plötzlich das Gefühl, die Autorin wolle mir jenen Kalteis gar als Opfer rigoroser nationalsozialistischer Gesetzgebung servieren. Einen waschechten Krimi, der einen "Krimi-Preis" verdient hätte, hat sie dennoch nicht zustande gebracht.
Die Erzählung Kalteis an sich ist gewiss nicht das Schlechteste, was ich innerhalb der letzten 40 Jahre gelesen habe. Was mich in solchen Fällen nur jedesmal fürchterlich ärgert, sind die Superlative, mit denen ein mageres Büchlein wie dieses gepusht wird. Eigentlich kann einem die Autorin Leid tun, denn nun ist sie bis in alle Ewigkeit auf etwas festgelegt, was eventuell so nicht gewollt war.
Egal, alle Beteiligten haben gut verdient mit "Deutschland sucht den Superstar", denn am rechten Platz ist es höchste Klugheit, Dummheit vorzutäuschen; und wegen DIESER gewitzten Klugheit gibt es 2 Sterne für die Autorin.
Leider kein wesentlicher Fortschritt, 25. Januar 2008
Wieder begibt sich die Autorin, wie zuvor in dem maßlos überschätzten Erstlingswerk Tannöd", zurück in die 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Sie versucht erneut, eher die Atmosphäre dieser Zeit zu vermitteln, als einen Kriminalstoff zu transportieren. Sie lässt sich wieder darauf ein, über das Umfeld einer Tat zu berichten als Tatgeschehen zu vermitteln. Sie berichtet von den Träumen und Wünschen der irgendwie unzusammenhängend Agierenden und versucht letztlich nur, dem Leser diese frühere Generation mit den damals sicherlich so oder so ähnlich vorhandenen Problemen zu schildern.
WARUM ABER, SO FRAGE ICH MICH, SCHREIBT SIE DANN NICHT EINE SOZIALSTUDIE ÜBER DIE GESELLSCHAFTLICHEN VERHÄLTNISSE VOR RUND ACHTZIG JAHREN, SONDERN HÄNGT WIEDER ALLES AN EINEM KRIMINALSTOFF AUF, DEN SIE ALS KRIMINALROMAN NUN EINMAL NICHT VERMITTELN KANN?
Auch wenn Frau Schenkel - immerhin streckenweise und nach hinten raus über mehr als nur ein paar Seiten - zeigt, dass sie frei erzählen kann, klammert sie sich doch immer wieder an die Schilderung von Aussagen und Akteninhalten, welche die doch vorhandene Dramatik des Stoffs verflachen lassen. Dazu meint sie wohl, es wäre sinnvoll, sich auch selbst der Sprache zu bedienen, die sie aus den Akten kennt. Aber so redet kein Mensch heutzutage mehr und im Erzählstrang hätte die Autorin diese nun einmal veraltete Ausdrucksweise vermeiden sollen.
Oder aber sie hätte einen Protagonisten erfinden müssen, der durchgehend aus eigener Sicht berichtet, wobei dann diese verdrehte Sprache nachvollziehbar wäre.
Besser als Tannöd, aber noch lange nicht gut, wie die Autorin bestimmt schreiben kann bei all der Unterstützung, die sie in peinlicher Offensichtlichkeit erfährt. HMcM
Brillant, mutig, großartig im Detail. Ein Kabinettstück, 17. Januar 2008
Ich bin kein Krimifan, es nie gewesen. Deshalb lässt mich die Euphorie darüber, dass Andrea M. Schenkel ohne Ermittler, bzw. Ermittlerin arbeitet kalt. Ich konnte mich noch nie für wahlweise schrullige (Ms. Marple), melancholische (Wallander)... - tja, da gehen mir die Beispiele schon aus - erwärmen, die in in ihrer Lenolschnittartigkeit ohnehin nur durch eine mühsam konstruierte Pappkulisse gescheucht werden, die sich dann "Fall" nennt und den Leser auf den letzten Seiten mit Küchenpsychologie belästigt.
Hier passiert zum Glück etwas anderes. Nur was?
Es ist nicht die wieder einmal geniale Kontruktion, die Schenkel auch bei Tannöd gewählt hat und hier noch verfeinert ist. Es ist auch nicht der Dialekt, den sie wählt. Die stark regionale Färbung. Es ist mehr die kalte, unemotionale, ja sachliche Brutalität, mit der sie das Schicksal der Landpomeranze Kathie beschreibt, die am Vorabend des Zweiten Weltkrieges ihr Glück in der Großstadt München versucht. Die Worte mit der sie ihr Abgleiten in die Gelegenheitsprositution beschreibt sind wahre Kabinettstückchen und erinnern in Brillanz und Unaufgeregtheit an die gute Agotha (oder schreibt sie sich Agota) Kristof - und auch ein wenig an Ernst Erich Noth. Da ist kein Wort zuviel. Da wird nicht mit Emotionen gekleistert, da wird ohne Sentiment ein Seelenzustand einer Person erfasst, die es selbst nicht fassen kann. Das ist brutal und wunderbar und ein Genuss und mutig. Die Kunst besteht im Weglassen, im schlichten Schildern von Handlungen, die durch nichts zu erklären sind. Ein Meisterstück ist die Szene, in der sich Kathie zu den beiden Motoradfahrern ins Bett legt. Unbeteiligt, seelenlos - ein Vorbote dessen, was ihr bald passieren wird.
"Kalteis" ist wegen genau dieser Eigenschaften besser als "Tannöd". Man spürt, dass Andrea M. Schenkel, auch wenn sie ihrem Genre treu bleibt, nicht stehen bleibt, sondern versucht, ihren Stil weiterzuentwickeln. Oberflächlich gesagt, könnte man meinen: Ach, wieder das Gleiche. Mundart, wechselnde Perspektiven, wenig Seiten für teures Geld - ist aber nicht das Gleiche. Es ist besser, reifer, subtiler, bedachter. Ein großartiger Roman. Eine großartige Autorin, von der ich unbedingt mehr lesen will. Einfach weil man merkt, dass sie nicht stehen bleibt.
PS: Wenn es sechs Sterne zu vergeben gäbe, dann bekäme sie einen mehr von mir!
Gutes Buch mit enttäuschendem Ende, 17. Januar 2008
Kathie zieht nach München, weil es ihr in ihrem Dorf zu eng wird. Der Vater wollte sie sowieso aus dem Haus haben. Nun will sie sich in München eine Stelle suchen, was Anfang der 1930er Jahre gar nicht so leicht ist. Aber Kathie will es schaffen und sie will eine feine Dame werden und für sich selbst sorgen können. Eine eigene Wohnung will sie sich leisten können und sie will eine Stelle, bei der sie niemanden bedienen muss.
Dunkelhaarig und hübsch ist Kathie. Genauso wie andere junge Frauen, die in und um München verschwinden, nachdem von Zeugen ein Mann mit einem Fahrrad in unmittelbarer Nähe gesehen wurde.
Basierend auf einem wahren Kriminalfall (aber kein "true crime Buch"!) hat die Autorin diesen Roman wie einen Tatsachenbericht geschrieben. Zwischen polizeilichen Vernehmungsprotokollen von Josef Kalteis finden sich Zeugenaussagen von Angehörigen der verschwundenen Frauen und die Geschichte von Kathie, die exemplarisch das Leben eines der Opfer beschreibt. Besonders rührend ist Kathies Geschichte, weil sie sich in der großen Stadt eine schöne Zukunft und persönliche Freiheit erhofft und feststellen muss, dass alles gar nicht so einfach ist. Und sie zeigt, wie schnell ein junges Mädchen in einer Großstadt unter die Räder gerät.
Dieses Buch war sehr spannend und Kathies Geschichte sehr ergreifend. Der Schreibstil war sehr interessant und die Methoden (Vernehmungsprotokolle, Zeugenaussagen, etc.) ließen dieses Buch sehr authentisch wirken. Die zum Teil zusammenhangslosen Schilderungen der unterschiedlichen Lebensgeschichten wirkten gerade dadurch authentisch, dass sie zusammenhangslos waren und somit zeigten, dass es zwischen den Opfern eines Serienmörders keine Verbindungen gibt außer der, dass sie an einem abgelegenen Ort einem fremden Mann begegnen.
Bis zehn Seiten vor Schluss fand ich dieses Buch unglaublich überzeugend und wesentlich besser als Schenkels erstes Buch. Leider gelingt es der Autorin nicht, am Ende alle Fäden zusammenzubringen. Die Zusammenhänge werden zwar im letzten Satz angedeutet, doch für mich war das zu subtil. Ich hätte es gern expliziter gehabt und mehr erfahren, was über diese Morde bekannt wurde. Bei einigen der Frauen wurde nicht mal deutlich, ob sie überhaupt je gefunden wurden. Zudem wurden die Jahreszahlen zum Teil sehr durcheinander geworfen und die Ereignisse werden nicht chronologisch geschildert.
Wirklich schade, denn an sich ist dieses Buch wirklich sehr gut und authentisch und die Person der Kathie sehr überzeugend und sympathisch. Im Stil eines "true crime Buches" geschrieben (ist aber ein Roman!), wird es für Fans von Krimis und Thrillern jedoch eher unbefriedigend sein.
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