Kundenmeinungen
Ein wichtiger Diskussionsbeitrag, 2. Februar 2008
Die Kernfrage des Buches lautet: Sollen die Grundlagen der Ethik, also das System, durch das eine konkrete Handlung als richtig oder auch als falsch bestimmt werden kann, aus den dogmatischen, nicht hinterfragbaren Glaubenssätzen der Religionen und ihrer heiligen Schriften hervorgehen, oder sollten diese auf der Vernunft beruhen, die auf wissenschaftliche Erkenntnisse gestützt, sich an den natürlichen Anlagen und Bedürfnissen des Menschen orientiert? Die Antwort des Autors ist nicht minder radikal und polarisierend, als die Ansprüche der großen Glaubensgemeinschaften, die zum Ziel den geläuterten "christlichen Menschen" oder "sozialistischen Menschen" haben und dafür nicht weniger als die Überwindung der menschlichen Natur fordern. Mit dem Begriff "Religion" werden hier nicht nur die kirchlichen Glaubenssysteme beschrieben, sondern auch politische Ideologien mit quasi religiöser Gesinnung, wie zum Beispiel dem Nationalsozialismus und dem Stalinismus. Völlig zu Recht weißt der Autor auf die Gefahren des dogmatischen Fundamentalismus hin und belegt dies anhand zahlloser Beispiele aus der älteren und der jüngeren Geschichte, bei denen fanatische Anhänger die systematische Beseitigung Andersdenkender betrieben. Sein Gegenentwurf ist eine "alternative politische Leitkultur" des "evolutionären Humanismus", eine frei von Dogmatismus und Relativismus, sich immer selbst hinterfragende, aus wissenschaftlichen, philosophischen und künstlerischen Quellen gespeiste, am diesseits orientierte, nationale Grenzen überwindende Weltanschauung, die die Erkenntnisse über die Natur des Menschen und der Welt mit dem ethisch-politischen Auftrag einer umfassenden Verbesserung der menschlichen Lebensverhältnisse verbindet. Das hört sich gut an, aber es stellt sich natürlich die Frage, wie realistisch das Ziel ist? Ist die Menschheit überhaupt in der Lage, sich an einer auf abstrakten Begriffen basierenden Ethik zu orientieren? Selbst im wissenschaftlichen Denken geübte Akademiker, haben Schwierigkeiten damit, ihre rationalen Erkenntnisse, in einen allgemeinen und sinnstiftenden Zusammenhang zusetzen. Wie soll das erst der Durchschnittsbürger schaffen? Tatsächlich, und auch das ist eine Erkenntnis der Wissenschaft, liebt der Mensch Versinnbildlichungen und Vereinfachungen, sucht auch in zufälligen Strukturen nach wieder erkennbaren Mustern und folgt nur allzu bereitwillig den Anweisungen von Autoritäten. Seine mentale Struktur nötigt ihn förmlich zur Religion. Es ist daher auch kein Wunder, dass die Evolution des Menschen das religiöse Denken schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt hervor brachte, während die Wissenschaft erst sehr viel später folgte. Religion ist allein durch Vernunft nicht zu überwinden, da es nämlich vernünftig ist, eine Religion zu haben. Religion ist ein evolutionärer Vorteil! Das Ziel einer modernen und zeitgemäßen Ethik kann also nicht die Beseitigung der Religion, sondern nur die Überwindung der Trennlinie zwischen Religion und Vernunft sein. Also eine tolerante Weltanschauung, in der auch eine undogmatische Religion ihren Platz hat.
Als Fazit bleibt anzumerken, dass das "Manifest des evolutionären Humanismus" ein zwar radikaler, aber gerade auch deshalb wichtiger und richtiger Beitrag, zu der längst überfälligen Diskussion ist, was die Grundlagen einer zeitgemäßen Ethik sein sollen und wie man dem religiösen Fundamentalismus effektiv begegnen kann. Der Autor hat seine Position ausführlich und vor allem anschaulich dargelegt und dabei auch das rechte Mass zwischen intellektuellem Anspruch und dem die Aufmerksamkeit erregenden Populismus gefunden. Wer nicht nur mitreden, sondern auch mitdiskutieren will, der wird an diesem Buch wohl nicht vorbeikommen, auch wenn man die darin vertretenden Ansichten nicht teilt.
Schritte in die richtige Richtung, 22. Dezember 2007
Das Manifest des Evolutionären Humaismus räumt auf mit der Behauptung, das eine gesellschaftlich tragfähige Ethik ausschließlich religiös begründet werden kann. Das Gegenteil ist wahr: Nicht Glaube, sondern die Orientierung am Wissensstand des Menschen führt zu einem offenen, tolleranten Miteinander in einer Welt, in der unterschiedliche Kulturen und Traditionen zusammenwachsen. Das macht Michael Schmidt-Salomon deutlich.
Besonders im Kapitel "Glaubst du noch oder denkst du schon" formuliert er treffend die Grundhaltung eines aufgeklärten Zeitgenossen, der sich nicht an fest gefügten und damit unbeweglichen Setzungen eines wie auch immer gearteten Glaubenssystems orientiert, sondern am sich evolutionär entwickenden Wissensstand aller geistigen Disziplinen.
Gerade deshalb empfinde ich es als enttäuschend, dass er im Zuge seiner Ausführungen immer wieder inhaltliche Festlegungen trifft, die zwar den Mainstream der naturwissenschaftlichen Diskussion widerspiegeln, aber weder als letztendliche Wahrheiten gelten können, noch dem Disskussionsstand der breiten Wissenschaftsfront gerecht werden, wie die "zufallsgesteuerte Evolution" oder der "unfreie Wille".
Ich selber bin als Lehrer bemüht, meinen Schülern nicht nur naturwissenschaftlichen Stoff herüberzubringen, sondern eine wissenschaftliche Grundhaltung zu vermitteln - angesichts der Stofffülle unserer Lehrpläne ein schwieriges Unterfangen. Und doch bin ich immer davon überzeugt, dass das "Wie" wichtiger ist als das "Was", und das "Wie" kann doch nichts anderes heißen, als den jungen Menschen die eigene Vernunft und die eigene Empirie als Grundlagen ihres Erkennens erfahrbar zu machen! Das bereitet einem evolutionären Humanismus den Boden. Wenn aber Naturwissenschaft nur als ein Bündel von Wahrheiten erfahren wird, die es zu lernen und anzunehmen gilt, sind wir beim Glauben an die Wissenschaft, der schnell wieder durch den Glauben an irgendetwas ausgetauscht wird: Und damit fallen wir vor die Aufklärung zurück. Deshalb sollten inhaltliche Setzungen in einem "Manifest des evolutionären Humanismus" nicht formuliert werden.
Das Schmidt-Salomon dies trotzdem macht, zeugt von einer Polarisierung des abendländischen Denkens in christliche Dogmatik hier und befreites Denken dort: Aber gerade diese Polarisierung ist es, an der wir leiden und zwar auch dann noch, wenn wir kontrapunktisch die aufgeklärte Position einnehmen.
Ich wünsche dem Anliegen, ein humanistisches Manifest zu formulieren, durch die methodische Fundierung im Erkenntnisbemühen der Einzelnen und ihre inhaltliche Weite und Offenheit eine breite gesellschaftliche Akzeptanz.
fragwürdige Arroganz, 18. November 2007
Dieses Buch ist nur vordergründig erhellend. Der Autor konstruiert einen Gegensatz zwischen der guten Wissenschaft und der bösen und rückständigen Spiritualität. Schon der erste Satz belegt dies: "Wir leben in einer Zeit der Ungleichzeitigkeit: Während wir technologisch im 21. Jahrhundert stehen, sind unsere Weltbilder noch von Jahrtausende alten Legenden geprägt. Diese Kombination von höchstem technischen Know-how und naivstem Kinderglauben könnte auf Dauer fatale Konsequenzen haben. Wir verhalten uns wie Fünfjährige, denen die Verantwortung über einen Jumbojet übertragen wurde." - Aber so einfach ist es nicht. Die Vorstellung, Wissenschaft und Humanismus stünden der Religion und dem Glauben entgegen, ja schlössen sich gegenseitig sogar aus, ist besten Falls arrogant, da sie den religiösen Menschen die Vernunft pauschal abspricht. Eine genauere Differenzierung würde da gut tun und zur Glaubwürdigkeit des Anliegens des Buches beitragen. Dass Wissenschaft und Religion sich eben nicht ausschließen, zeigt allein schon die historisch-kritische Exegese der letzten Jahrzehnte mit ihren Ergebnissen - die der Autor aber nicht zur Kenntnis genommen hat. Die Schwarz-Weiß-Malerei des Autors ist daher kaum mehr als ein polemisches Element in der Begründung seiner Weltsicht - die ihm als solche selbstverständlich zusteht. Aber die schöne und erstrebenswerte Utopie von der besseren Welt wird sich auf seinem Weg nicht erreichen lassen.
Über den Stil, in dem das Buch geschrieben ist, mag man streiten. Die Aussage aber, Jesus sei der Prophet und Verursacher des Nationalsozialismus gewesen, geht allerdings deutlich zu weit, und erlaubt Zweifel an der Redlichkeit Michael Schmidt-Salomons.
uneingeschränkt empfehlenswertes Buch, 15. November 2007
Kaufen. Lesen. Weiterempfehlen. Die Kosten sind gering. Es liest sich wie von selbst, man muss dafür kein Philosoph sein. Jeder Leser wird etwas darin finden: Bestätigung, neue Einsichten - oder auch Steine des Anstoßes, je nach weltanschaulicher Prägung. Und am Ende die Einladung, darüber zu streiten. Die Freiheiten, die wir heute genießen, sind nicht so selbstverständlich, wie wir sie in Anspruch nehmen. Sie wurden erkämpft. Man kann sie uns auch wieder nehmen. Die Aufklärung hat gerade erst begonnen...
Humanismus, 20. Juni 2007
Ein sehr gutes Buch! Mit messerscharfem Verstand und mit fundierter Kenntnis stellt Dr. Michael Schmidt-Salomon allgemein verständlich den säkularen Humanismus vor. Dabei wird auf Religionskritik (neben den theistischen Religionen" werden auch die atheistischen und politischen Religionen kritisiert) nicht verzichtet.
Er stellt die Stützpfeiler des evolutionären Humanismus vor (Wissenschaft, Philosophie, Kunst). Es wird klar, dass der Evolutionäre Humanismus kein dogmatisches, sondern ein "offenes System" ist. Es wird deutlich warum der rationale Glaube an die Wissenschaft nicht mit "Wissenschaftsgläubigkeit" zu verwechseln ist.
Kritik und Verbesserung ist der Motor des evolutionären Humanismus, der damit im totalen Gegensatz zu der Ideologie der Religionen steht, die absolute nicht zu hinterfragende "Wahrheiten" verkünden.
Es werden brandaktuelle und kontrovers diskutierte Themen behandelt (halbierte Aufklärung, Fundamentalismus, ID, Bioethik, Sozial- und Bildungssystem usw.) Sehr gefallen hat mir das Kapitel "Den Eigennutz in den Dienst der Humanität stellen!" und die Zehn Angebote (nicht Gebote) des evolutionären Humanismus.
Fazit: Ein sehr lesenswertes Buch ! 5 Sterne !
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