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Anna Enquist: Kontrapunkt

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Kontrapunkt

von Anna Enquist

Luchterhand Literaturverlag

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04/Dez/2008 - 02:24




Kundenmeinungen

produkt bewertung produkt bewertung produkt bewertung produkt bewertung produkt bewertung produkt bewertung  Schmerzlich schön, 17. Oktober 2008

Immer wieder ist man erstaunt, wie in allen Künsten - Musik, Malerei, Literatur - Schmerz zu Schönheit gewandelt werden kann. Anna Enquist hat den Tod ihrer Tochter bereits einmal in einem (auf deutsch nicht erhältlichen) Gedichtband "De tussentijd" (Die Zwischenzeit) zu verstehen versucht.Nun ist ihr mit "Kontrapunkt" (Contrapunt - fast zeitgleich auf deutsch und niederländisch erschienen) ein großartiges Stück Prosa gelungen.Sie lässt alle Figuren namenlos und hebt sie so aus dem Persönlichen heraus. Eine Frau versucht, durch Einübung der Goldberg-Variationen von Bach die Erinnerung an ihre verunglückte Tochter nicht zu verlieren. Jedem Teil dieser Goldberg-Variationen ist ein Lebenskapitel zugeordnet. Was leicht zu einem kalten Konstrukt hätte werden können, wird von Anna Enquist gekonnt mit nahezu leichter Hand zu einem Lebenspanorama komponiert. Man versteht zugleich, wie Musik - wie von Bach gewollt - Gefühle bildet, indem sie aus diesen schöpft und neue bewirkt. Ein ganz großes literarisches Werk steht vor uns, menschlich und meisterhaft.


produkt bewertung produkt bewertung produkt bewertung produkt bewertung produkt bewertung produkt bewertung  Die Musik der Erinnerung, 9. Oktober 2008

In "Kontrapunkt" erzählt Anna Enquist die Geschichte einer Mutter, deren Tochter bei einem tragischen Unfall ums Leben kommt und die nun große Angst vor der Zukunft und dem damit verbundenen Verblassen der Erinnerungen an ihre Tochter hat. Sie versucht sich mit aller Macht an die Vergangenheit zu klammern und das Leben um sich herum nimmt sie kaum mehr wahr. Erst indem sie erneut beginnt die Goldberg-Variationen von Bach einzustudieren, kann sie sich intensiv an das Vergangene erinnern und nochmals ihr Leben mit ihrer Tochter Revue passieren lassen. Gekonnt webt Anna Enquist dabei ein feines Netz aus Sprache, Erinnerungen und Musik.Mit jedem Ausschnitt der Variationen sind hier nun bestimmte Erinnerungen verbunden. Ein Kapitel widmet sich immer einer Variatio bzw. der Aria als erstes Kapitel und der Aria da capo als letztes Kapitel. Besonders interessant dabei ist auch, dass Bach selbst die Goldberg-Variationen komponierte, nachdem sein Sohn Bernhard bereits sehr früh verstarb. Nur so gelang es ihm nicht verrückt zu werden. Die Geschichte ist somit auch ein Gleichnis von Bachs Leben und dem der Mutter. Allgemein erfährt man im Buch viel Interessantes über Bachs privates Leben - nicht nur sein Werk spielt hier folglich eine Rolle.Wichtig für das Verständnis des Buches ist es allerdings gewisse Kenntnisse der Musiktheorie und Notenlehre zu haben, da viele Fachbegriffe auftauchen. Einfache Notenkenntnisse reichen meines Erachtens nicht aus oder zumindest geht einem dadurch ein entscheidender Teil des Kontextes verloren. Denn schließlich ist die Einheit aus Musik und Gefühl bei diesem Buch ja der Kern um den sich alles dreht.Fazit: Ein hervorragendes und gut durchdachtes Buch, das wirklich toll aufgebaut ist und es somit schafft den Leser in den Bann der Geschichte und der Musik zu ziehen. Es zeigt deutlich, wie bedeutsam Musik für einen Menschen sein kann und was er damit alles verbinden kann.


produkt bewertung produkt bewertung produkt bewertung produkt bewertung produkt bewertung produkt bewertung  Herzzerreißend meisterhaft., 6. Oktober 2008

Am Anfang hab ich nicht geglaubt, dass ich mich an diesem Buch festbeißen kann. Kommt doch viel zusammen, von dem ich eigentlich keine Ahnung habe. Obwohl man das natürlich nicht so sagen kann - denn jeder Mensch sollte Trauer nachvollziehen können, vor allem die Verarbeitung des Schmerzes und des Verlustes, auch wenn es sich hier fast ausschließlich um den der Mutter handelt. Also ein Frauenroman? Klar, schon eher, aber wiederum auch nicht. Der/ein Vater kommt kaum vor und ich, als jemand der zwar Musik, auch Klassische, sehr genießt, kam mir manchmal doch etwas dumm vor - bar jeder Notenkenntnis - und Goldbergvariationen" von Bach sagten mir erstmal nichts. So doof, so gut.Nun bin ich aber Vater einer achtzehnjährigen Tochter, spiele leidenschaftlich Folkgitarre - lebe sogar davon - und so zog ich mir nach und nach den Buchmantel samt Inhalt über und bin oft sprachlos gewesen, vor so genauer, sezierender Sprachqualität, die auch das Heranwachsen unserer Tochter in einem neuen, wenngleich sehr sentimentalen Licht, erscheinen lassen. Es geht um die Rettung der gemeinsamen Zeit, welche sich nicht in Fotos an den Wänden, ein paar aufbewahrte Erinnerungsstücke oder etwa Schulzeugnisse, etc., erschöpfen sollen. Die Mutter, Konzertpianistin, kämpft mit den Goldbergvariationen um die Erinnerung an ihre Tochter, die plötzlich Anfang/Mitte zwanzig durch einen Unfall aus dem Leben gerissen wurde. Es ist sowieso immer schlimm, wenn die eigenen Kinder vor den Eltern sterben, aber so eine jähe Tragik, ohne Krankheit oder Vorhersehbarkeit, macht schaudern. Sie setzt sich an den Flügel und in einer Art Zweiteilung der Kapitel - jedes Kapitel wird als eine der Variationen, von denen es dreißig gibt, überschrieben - geht es sowohl um den Versuch, Bachs Genialität zu verstehen, bzw. nachzuspielen und aus der jeweiligen Atmosphäre, wie ein Puzzle, aber nicht chronologisch, das gemeinsame Leben mit der Tochter zusammenzufügen (oder zu fugen, wie Bach es wohl gemacht hätte). Und genau dabei kommen solch rührende Beobachtungen heraus, die einem das Herz brechen. (Wobei ich mich heute wundere, dass man diese oder ähnliche Erlebnisse mit dem eigenen Kind damals selbst nicht sofort notiert hat; obwohl, es gibt diese Erlebnisbücher, diese Mutter - Kind Kladden, die am Anfang nahezu täglich - in der Pupertät dann gar nicht mehr gefüllt werden) Ein ganz großer Roman, ein Juwel. Und nun auf - Goldbergvariationen kaufen - in einer Aufnahme von Glenn Gould.


produkt bewertung produkt bewertung produkt bewertung produkt bewertung produkt bewertung produkt bewertung  Ein sehr berührendes Buch für Bach-Liebhaber mit musiktheoretischen Kenntnissen, 28. September 2008

Eine ausgebildete Konzertpianistin verliert ihre erst 27-jährige Tochter bei einem tragischen Verkehsunfall. Sie fürchtet, dass die Erinnerung an ihre Tochter mit der Zeit verblasst. Zum ersten Mal seit ihrer Zeit auf dem Konservatorium übt sie die Goldberg-Variationen von Bach wieder ein, ein Werk, das an den Pianisten höchste Anforderungen stellt. Es handelt sich um eine Aria mit 30 Variationen, am Schluss wird die Aria noch einmal gespielt. Je länger die Frau sich mit diesem Werk Bachs und dessen Leben befasst, um so lebendiger werden die Erinnerungen an ihre tödlich verunglückte Tochter, jede Variation ruft eine neue Szene aus deren Leben hervor: Kindheit, Pubertätskonflikte, Familienurlaube in Schweden, Liebeskummer, Studienabschluss usw.Die niederländische Autorin ist ausgebildete Konzertpianisten und außerdem Psychoanalytikerin. Jedes Kapitel des Romans wird mit einer Notenzeile, den ersten paar Takten der Aria bzw. der jeweiligen Variaton, eingeleitet. Es folgt eine Beschreibung einer Szene aus dem Leben der Tochter, kombiniert mit den Spezifica der jeweiligen Goldberg-Variation bzw. einer Besonderheit aus der Biografie Bachs. Mich hat dieses Buch sehr berüht. Allerdings: Der Roman ist nur empfehlenswert für Liebhaber klassischer Musik, die sich für Johann Sebastian Bachs Leben und Werk interessieren und auch über theoretische Musikkenntnisse verfügen, am besten sogar selbst ein klassisches Instrument spielen. Wer keine Notenkenntnisse hat und wem die gängigen musikalischen Fachbegriffe fremd sind, der wird den Beschreibungen der Interpretation der Aria und der 30 Variationen nichts abgewinnen und den jeweils zum Leben der Tochter der Protagonistin gezogenen Parallelen nicht folgen können.


produkt bewertung produkt bewertung produkt bewertung produkt bewertung produkt bewertung produkt bewertung  Zerrissene Verbindungen, 27. August 2008

"Musik setzt im Chaos die Ordnung instand, namentlich die Beziehung des Menschen zur Zeit." Diese Aussage des russisch-französisch-US-amerikanischen Komponisten Igor Strawinsky kann als Leitmotiv über dem neuen, tief beeindruckenden Roman der 1945 in Amsterdam geborenen Anna Enquist stehen. Denn mit Musik versucht die Autorin den Verlust eines Menschen aufzuarbeiten: den Tod ihrer Tochter. Ihre Profession kommt ihr dabei sehr zu Gute - die Niederländerin ist ausgebildete Konzertpianistin und arbeitete lange Jahre als Psychoanalytikerin.Mit der Einstudierung der Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach, eines der schwierigsten und einen unglaublich hohen Grad an Virtuosität fordernden Klavierkompositionen, versucht sie, die langsam zu blassen Gemeinplätzen geschrumpften Erinnerung an ihre Tochter wieder neu zu beleben. Durch die Auseinandersetzung mit den dreißig Variationen, die von einer solchen musikalischen Komplexität sind, dass sie einem mehr oder weniger versierten Hörer den Verstand rauben, gleichzeitig aber auch für das Seelenheil eines kranken bzw. leidenden Geistes sorgen können, gelingt es der Protagonistin, eine Brücke zu bauen und letztendlich ihre Erinnerungen zu Papier zu bringen. Der Druck der immer stärker an ihr ziehenden Zukunft wird gemindert und der Vergangenheit die notwendige Nähe gestattet. "Durch das Klavierspiel baute man eine Laufbrücke, einen wackligen Steg, der es zumindest erlaubte, inmitten der Verwüstung umherzugehen und das lädierte Gebiet zu besichtigen."Wie dies Anna Enquist stilistisch und kompositorisch gelingt, ist großartig und ungemein einfallsreich. Sie hat ihr komplettes Romankonstrukt in das spätbarocke Stück Bachs eingewebt. An den Beginn ihrer einzelnen Kapitel stellt sie die jeweiligen Satzüberschriften des Originalwerks sowie die ersten Takte. Den nachfolgenden Text verknüpft sie virtuos zu einer Melange aus persönlichen Reminiszenzen, Stückinterpretationen sowie biografischen Einflechtungen aus dem Leben Johann Sebastian Bachs. Hierbei lässt sie ihren auktorialen Erzähler von "der Frau" sprechen, wenn sie die Musik analysiert und von "der Mutter" wenn eigene Familienerlebnisse aufflammen. Ihre Erinnerungen sind kein chronologischer Gedankenfluss, sondern so wie die Bilder in ihrem Kopf auftauchen - angeregt durch die Auseinandersetzung mit Bachs Musik -, lässt sie ihnen freien Lauf. Überraschenderweise entstehen somit grandiose Dualitäten: keine makellose Einstimmigkeit von Melodielinien, sondern eine wechselseitige Auseinander- und wieder Zueinanderbewegung, ein Gespinst einander durchdringender Stimmen, die dennoch Individualität erkennen lassen; ein harmonisches Gewirr, das trotzdem Akkorde bildet. Sie denkt an die schwere Geburt der Tochter, an Familienurlaube, den ersten Schultag, das bestandene Examen, das enge Verhältnis der beiden Geschwister (es gibt noch einen jüngeren Sohn), an Unfälle, Missgeschicke, besondere Ereignisse oder auch nur alltägliche Erlebnisse einer innigen Mutter-Tochter-Beziehung.Enquist mischt Bachs und die Töne der Erinnerung virtuos zu einer "sich kontinuierlich fortbewegenden Klangwolke zusammen, in der das Verschiedenartige" verschmilzt und dadurch ein harmonisches Gefüge entsteht.Der Horizont der immer mehr verblassenden Erlebnisse, der Vergangenheit, wird nach und nach erweitert und liegt letztendlich klar und als komplettes Bild vor ihr. Die Wut weicht einer distanzierten Gelassenheit, "der aufgeregte Herzschlag hatte sich dem besonnenen Tempo angepasst. Das Gemüt hatte sich beruhigt (...) Die Zeit bläst ihren heilenden Atem über die Wunde, die allmählich zu einer Narbe verwachsen wird." Bachs Musik hat ihr wieder Leben eingehaucht und den Mut gegeben, Zuflucht zur Sprache zu finden: "Das Einprägen der Noten und das Entwirren der Melodien hatte ihr lädiertes Hirn in Beschlag genommen. Im Takt der Musik hatte sie jeden Tag für eine Weile unbefangen atmen können. Durch die Hintertür hatte Bach ihr Zugang zu ihrem Gedächtnis verschafft: Jede Variation hatte Erinnerungen an das Kind wachgerufen, die sie in dem Heft notiert hatte."Zum uneingeschränkten Lesegenuss trägt gleichfalls die herausragend einfühlsame und stilsichere Übersetzung durch Hanni Ehlers bei, die schon seit fast zwanzig Jahren Literatur aus dem Niederländischen für das deutschsprachige Publikum zugängig macht und auf ein großes Übersetzungsoeuvre zurückblicken kann. Neben Werken Connie Palmen, Nelleke Noordervliet und Leon de Winter, übersetzte sie zum Beispiel auch Anna Enquists vorangegangen Roman "Letzte Reise".Fazit: Anna Enquist gelingt ein kleines Meisterwerk, das den Leser wie in Trance hineingleiten und am Ende beinahe fiebrig und nur schwer wieder auftauchen lässt. Noch lange nach dem Zuschlagen der letzten Seite ist man gefangen und emotional bewegt. Ohne überbordende Empathie verarbeitet sie die Tragödie ihrer Familie mit alltäglichen - mal heiteren, mal traurigen - Erinnerungen aus der Vergangenheit und der Auseinandersetzung mit Musik.Gleichzeitig führt sie auf unglaublich faszinierende und einfühlsame Weise an ein beeindruckendes Werk - die Goldberg-Variationen - und vor allem seinen grandiosen Schöpfer - Johann Sebastian Bach - heran. Eine Empfehlung, dieses Buch ein zweites Mal, dann jedoch unbedingt gemeinsam mit der unglaublichen Intensität der Goldberg-Variationen zu "fühlen", wird unbedingt gegeben.




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