Kundenmeinungen
Geschichtsfeuilleton, 3. August 2008
Haffner plaudert. Er plaudert ja immer; aber man verfolgt dieses in mündlicher Diktion gehaltene Feuilleton zu seiner Lieblingsgestalt Churchill mit mehr Gewinn als die vollschlanken und ums Wort ringenden Historikeranalysen mit ihren Fußnotengefechten und langweiligen Ernsthaftigkeiten. Insofern Haffner als Emigrant und erklärter Freund Englands Zeitzeuge des großen Premiers ist, wirken seine Darstellungen authentisch und erscheinen treffsicher im Urteil, auch wenn der Autor, als Fan!, den von ihm verehrten Churchill als Held von shakespeareschem Format ansieht. Dies jedoch nicht nur in bezug auf dessen Leistungen und Verdienste, sondern ebenso hinsichtlich der Krisen, Einbrüche, Fehleinschätzungen und kauzigen Schwachheiten. Wie jeder gute Autodidakt ist Haffner einfach näher und leidenschaftlicher an seiner Thematik. Er hält wie immer eine kluge und geistreiche Rede, aus der die Lektoren wohl gar noch Interjektionen zu streichen hatten. Ein Lesegewinn und ein klug verstandenes Stück Geschichte, ebenso treffsicher wie die "Anmerkungen zu hitler."
Grandios!, 25. Mai 2008
Wahrscheinlich wurden von kaum einem anderen Politiker so viele Biografien angefertig. Warum also lohnt es sich dennoch, dieses Buch zu lesen zumal sich Sebastian Haffner vor allem auf den Krieger und Politiker Winston Churchill beschränkt? Dieses Buch ist hervorragend geschrieben! Nicht nur präzise und kompetent, sondern vor allem auch äußerst lebendig. Sebastian Haffnern ist ein Meisterwerk gelungen, welches bis zur letzten Seite den Leser fesselt. Mehr noch als eine Biografie ist dieses Buch ein Geschichtsbuch, welches auch Stellung zu den Zeitgenossen Churchills nimmt, ihre Position und Haltung wiedergibt - natürlich immer im Verhältnis zu Churchill. Für mich persönlich waren hier insbesondere die Jahre der Appeasement Politik interessant. Des Weiteren sieht Haffner durchaus auch die negativen Seiten Churchills - seine faschistischen Tendenzen in den frühen zwanziger Jahren, aber auch sein egozentrisches, manchmal sprunghaftes Wesen und eine gewisse Boshaftigkeit im Alter. Haffner schont Churchill nicht, sieht diese negativen Seiten aber immer als (notwendige?) Entwicklungsschritte in Relation zu seinen anderen Taten, seiner Menschlichkeit, seinen strategischen Fähigkeiten. Er stellt ihn mit all seinen Facetten dar. Meisterhaft!Einen Nachteil hat die lebendige Ausdrucksform von Haffner jedoch, bei der es manchmal fast scheint, als würde er die Gedankenwelt Churchills vor uns ausbreiten. Diese Gedanken scheinen so real und greifbar zu sein, daß man vergißt, daß es immer nur das Werk eines Autoren ist! Vielleicht war es so - vielleicht aber auch anders. Haffner vermischt seine eigenen Analysen und Schlussfolgerungen mit dem tatsächlichen Geschehen und so plausibel das Meiste erscheint, so sollte man doch diese Interpretationen nicht als absolute Wahrheit ansehen. Beispiel: Wie Haffner selbst schreibt, hat sich England in früheren Bündniskriegen nie gescheut, "im Stadion des Sieges den Feind wieder ins politische Spiel zu bringen, sei es direkt, wie im Krieg gegen Ludwig XIV., sei es indirekt, wie im Krieg gegen Napoleon ..." (S.199) Auch hat Haffner zu einem früheren Zeitpunkt die durchaus vorhandenen faschistischen Neigungen Churchills dargestellt, welche seiner Meinung nach nur deswegen nicht stärker zu Wirkung kamen, weil Churchill nun einmal in England aufgewachsen war bzw. lebte und wirkte. Ebenso hat Haffner die von Roosevelt und Stalin abweichende Meinung Churchills zu einer Wiederherstellung eines konservativen Europas beschrieben. War es also wirklich glaubhaft, daß Churchill keine Verhandlungen mit dem Deutschen Reich in Erwägung gezogen hat? Vergessen wir nicht, er machte Politik durch Strategie! (S.193) Meiner Meinung nach sollte man die Meinungen Haffners nicht fraglos übernehmen.Des Weiteren sei anzumerken, daß nur Wenig über das sonstige politische Wirken Churchills erzählt wird. Die Jahre als Schatzkanzler? Sie werden erwähnt, Haffner vergißt dabei auch nicht die Rückkehr zum Goldstandard im Jahre 1925, welche durchaus auch gesellschaftliche Auswirkungen hatte - der allgemeine Streik im Jahre 1926. Hier hätte man allerdings mehr schreiben können! Des Weiteren wird auch das künstlerische Wirken - als Maler und Schriftsteller - nur unzureichend dargestellt. Dieses Buch beschränkt sich eindeutig auf den Soldaten und Kriegspolitiker Churchill. Dennoch, es ist meiner Meinung nach unbedingt lesenswert und eine Bereicherung.
Meisterhaft!, 11. März 2008
Genial! Die vielschichtige Figur Winston Churchills auf so kurzem Raum derartig prägnant darzustellen, bezeugt Haffners Meisterschaft. Wie ein roter Faden zieht sich der schwierige Charakter Churchills durch das Bändchen, das stets flüssig lesbar und unterhaltsam ist, dabei aber immer lehrreich, ohne belehrend zu sein. Wunderbar! Zusammenhänge tun sich auf, Gegensätze werden sichtbar, die sonst nicht erkannt würden. Ich bin begeistert!
Konzentriert und kompetent, 1. April 2007
Trotz des bei Rowohlts Monographien üblichen knappen Umfangs (von immerhin doch fast 200 Seiten) gelingt es Sebastian Haffner Churchill und sein Wirken umfassend und präzise darzustellen. Churchills individuelle Leistung wird angemessen zu den Umständen in Beziehung gesetzt. Charaktere, Motive, Hintergründe und Wirkungen werden gut und kompetent herausgearbeitet und pointiert interpretiert. Es wird nicht aus dem Nähkästchen geplaudert und "Homestories" bleiben uns erspart. Dennoch wird der Charakter Churchills plastisch, das nicht gesagte entnimmt man eigener Lebenserfahrung und liest es zwischen den Zeilen. Eigentlich erfährt man alles, was man zu Churchill und seinem Wirken wissen muß; eine umfassendere Darstellung können nur Experten verlangen wollen.Ein gewichtiges Manko gibt es dennoch: Die Verleihung des Literatur-Nobelpreises an Churchill wird zwar in der Zeittafel des Anhangs, nicht jedoch im Text erwähnt! Auch von den künstlerischen Arbeiten Churchills (Malerei) erfährt man nahezu nichts.Dem Historiker Haffner waren Strategien und Schlachten wohl näher als der "Künstlerkram" dem er wenig Beachtung schenkte. Schade, denn die Darstellung dieser ungewöhnlichen Mehrfach-Begabung hätte das Bild abgerundet und diese Biographie perfektioniert. So bleiben doch noch ein paar Fragen offen.
Sehr dürftiges Ergebnis, 3. Februar 2007
Es erscheint so paradox, dass ein talentierter Erzähler wie Sebastian Haffner, der in "Anmerkungen zu Hitler" auf nur 200 Seiten ein Portrait des Diktators zeichnete, das keine Fragen mehr offen ließ, an einer zwar nicht minder komplexen aber dennoch zugänglicheren historischen Figur scheitert; der Informationsgehalt seiner Churchill-Biographie kommt aber kaum über die nötigsten Erkenntnisse der Monographien aus dem Rowohlt Verlag hinaus. Jede einzelne von Churchills Lebensstationen wird in knappen Kapiteln umrissen, ohne dass sich der Biograph jemals Zeit zur Interpretation oder einer Zwischenbetrachtung nimmt. Vielmehr vernachlässigt Haffner sämtliche Facetten von Churchills Biographie, die ihn dem Leser vielleicht näher bringen könnten: Einblick in sein Privatleben bekommt der Leser fast überhaupt nicht, ergänzende Stimmen und Urteile von Zeitgenossen gibt es ebenfalls nicht, und selbst die entscheidenden historischen Wendepunkte verkommen durch Haffners flüchtig-gleichmütigem Erzählstil zu Nebensachen. Fotos und einige aufschlussreiche Zitate aus den Tagebüchern lassen die Person Churchill ein wenig greifbarer werden; auf eine tiefere Erkenntnis, etwa über das Verhältnis Churchills zu Hitler, oder wie er persönlich mit den innenpolitischen Krisen der frühen Kriegsjahre fertig wurde, wartet man aber vergeblich. Selbst über seine Reaktion auf den Literaturnobelpreis erfahren wir nichts- denn Haffner erwähnt ihn nicht.Schlussendlich wird die Biographie ihrem Anspruch nicht gerecht: Winston Churchill war eine ebenso vielschichtige wie brillante Persönlichkeit doch diese skizzenhafte Biographie lässt derartige Erkenntnisse nur erahnen. Haffner schreibt im Klappentext, dieses Buch sei sein "Lieblingsstück" - über so niedrige Eigenansprüche muss man sich wundern.
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