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Sodom und Neapel, 3. Februar 2008
Roberto Saviano ist Schriftsteller und Journalist und schloss sein Philosophie Studium mit Diplom ab. Für den Roman "Gomorrha" wurde er mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Der Titel des Romans spielt sowohl auf das sündhafte Gomorrha der Bibel als auch auf das neapolitanische Verbrechersyndikat Camorra an. Das Buch ist eine Mischform zwischen Roman und journalistischer Reportage und beschreibt detailliert, wie die Camorra arbeitet, mordet - und davonkommt.
Eine der erschütterndsten Episode in diesem Buch beginnt mit einem ausgebrannten Auto. Darin liegt die verkohlte Leiche einer Frau: Gelsomina Mina" Verde. Sie wurde gefoltert und mit einem Kopfschuss exekutiert, weil sie sich mit dem falschen Mann eingelassen hatte. Für einige Monate hatte sich Mina mit Gennaro Notturno getroffen, einer kleinen Nummer in der Camorra. Eines Tages, als die beiden schon kein Paar mehr waren, beging Notturno den dümmsten Fehler, den man in diesen Kreisen begehen kann. Er lief zu einer anderen Bande über und besiegelte damit nicht nur sein Schicksal, sondern auch das seiner Ex-Freundin.
Gennaro war zum Tode verurteilt", schreibt Saviano. Die Menschen werden Teil einer Karte, auf der Freundschafts-, Verwandtschafts- und sogar Liebesbeziehungen eingezeichnet sind. Auf diesen Karten werden Botschaften verschickt." Die Clans müssen strafen, denn wenn jemand straflos davonkommt, erwächst daraus die Gefahr des Verrats.
Um die Camorristi und ihre Verbindungen zu verstehen, beschreibt Saviano wie er jahrelang verdeckt in Neapels Camorra recherchierte, als Hafenarbeiter half er Schmuggelware an Land zu bringen, zog mit den Dealern durch die Vororte und tat sich in den Fabriken und Firmen der Clans um. Diese Mühen sind absolut lesenswert, denn Saviano gelang es, unglaublich traurige und skandlöse Fakten - aus Akten, Protokollen, Gesprächen und Beobachtungen - zu arrangieren, dass daraus eine interessante Erzählung entstand.
Saviano beschreibt in realistischem Stil, wie die Mafia funktioniert, wie sie Drogen verkauft, Gelder wäscht, Modeartikel fälscht, Müllberge verschiebt und Menschen schleust, in Salzsäure auflöst - und vor allem weist er darau hin, wie eng Politik, Wirtschaft und Verbrechen in Kampanien und sicherlich auch anderswo miteinander verzahnt sind. Manche Details wirken allerdings reichlich phantastisch, wie z.B. die Sache mit der Oscar-Robe von Angelina Jolie.
Saviano Verdienst ist es u.a., endlich mit mit einer Mafia-Romantisierung aufzuräumen, die Jahrzehntelang von Hollywood genährt wurde (in Filmen wie Der Pate, Scarface, u.v.a.), dass nämlich in Mafia-Clans vor allem die Ehre hochgehalten würde, die Religion gewürdigt, Freunde geschützt und die Familie - vor allem die Mama - respektiert und geliebt würden. In Wirklichkeit sind betrügerische Geschäfte und brutalste Gewalt unauflöslich miteinander verbunden, es wird nur gewürdigt, respektiert und geliebt, was Macht verspricht. Und entgegen entgegen jeder Mafia-Glorifizierung ist dies nur eines: Geld. So einfach ist das.
Bedauerlicherweise leidet das Buch unter endlosen Redundanzen, vor allem im Milieu der Kleinkriminalität (mit dem Saviano am besten vertraut ist), was nicht nur den Erzählfluss bremst, sonden auch die Brisanz des Themas irgendwie minimalisiert. Hingegen lassen sich die Namen und Aktivitäten der grossen "capi" mit etwas Fleiss auch im Internet recherchieren, sodass der Reportage-Anteil irgendwie an Qualität verliert.
Für Roberto Saviano jedoch geht es seit der Veröffentlichung seines Buchs um sein Leben. Die Camorra will ihn umbringen lassen. Zumindest verlautet diese Nachricht aus den Marketing-Departments der Verleger. So soll Saviano Personenschutz der höchsten Sicherheitsstufe erhalten haben, d.h. er hat alle zwei Tage seinen Aufenthaltsort zu wechseln und in gepanzerten Autos zu fahren. Seinen angeblichen Häschern widmete er den letzten Satz seines Buchs: "Ihr verfluchten Dreckskerle, ich lebe noch!"
La dolce vita, 29. Januar 2008
Der Autor erzählt, wie die Camorra im Süden von Italien bei fast jedem Geschäft ihre Finger im Spiel hat: beginnend beim Zement, mit dem angeblich fast jeder spätere Clan begonnen hat, über Luxus-Schneidereien, natürlich den Drogen-, Waffen- und Menschenhandel bis hin zur Giftmüll- und Abfall-Entsorgung.
Die Machenschaften der Mafia schildert Saviano so anschaulich und manchmal poetisch, dass man sich fragt, wieso er nicht selber mitmischt bei den Geschäften der Clans? Von jedem noch so kleinen Handlanger weiß Saviano sogar den Spitznamen: Man hat beim Lesen das Gefühl, dem Autor hat (bisher) nur die Gelegenheit oder das Angebot zum Dabeisein gefehlt. Im letzen Kapitel z.B fragt Saviano doch tatsächlich, ob er nicht selber lieber Befehle erteilen sollte. Ob er nicht 'ein Profitgeier, ein Raubtier des Kapital, ein Samurai der Clans' werden möchte.
Oder: einmal schleicht sich der Autor, Jahrgang 1979, in eines der Häuser ein, die einem der Bosse gehörten, bevor ihm der Prozeß gemacht und das Haus beschlagnahmt wurde. In dem demolierten Haus staunt Saviano dann über die Größe - und pisst aus Rache oder Wut schließlich in eines der Becken, bevor er wieder verschwindet.
Jeder Name in diesem Buch lässt sich durch 'googeln' bestätigen: im Internet findet man alle Namen, alle Verbrechen - und mehr. Worin besteht also die Recherche des Autors? Darin, dass er durch die Mülldeponien der Camorra geht? Dass er immer wieder rechtzeitig nach einem Mord an Ort und Stelle war? Oder dass er zu einem seiner vielen Freunde nach Aberdeen oder in den Norden Italiens gereist ist, wo die Mafia auch tätig ist?
Angeblich ist der Autor seit seinen 'Enthüllungen' mit Leibwächter in einem gepanzerten Auto unterwegs und wechselt alle zwei Tage den Ort. Warum? Wegen der Pinkel-Episode? Weil er einen Spitznamen zu wenig verraten hat? Das Ganze ist wohl bestenfalls ein Marketing-Gag.
In dem Buch gibt es kein einziges Foto, keine einzige Landkarte, nicht einmal eine Skizze. Vielleicht ist man bei der Camorra deshalb böse auf den Autor, weil er Ortsunkundige dumm sterben lässt?
Das Buch ist wenigstens durchaus gut geschrieben, auch gut übersetzt. Als 'Normalbürger' folgt man dem Inhalt mit Interesse. Aber: wirklich überraschend oder neu ist kaum etwas in diesem Buch.
Solte man gelesen haben..., 26. Januar 2008
wenn man bereit ist die Kirche im Dorf zu lassen. Wer sich hier unschlüssig ist, das Buch zu lesen, dem will ich nur drei Hinweise geben.
1) Wenn einem das Buch halbwegs gefallen soll, kann man sich ja mal von überzogenen Ansprüchen lösen. Hier schreibt ein junger Kerl mit 28 Jahren. Dass der kein Goethe ist wird man überleben.
2) Man bekommt dafür etwas, was die anderen Mafia-Experten, die in ihren Häuschen am See sitzen und genüßlich Kaffe trinken, nicht schaffen: Authentizität! Saviano ist (fast) überall auch dagewesen, er wirkt ehrlich und versucht einfach kein Detail zu vergessen. Natürlich haben mich irgendwann die x-ten Giovanni di Mafioso, genannt "das Skalpell", auch etwas genervt - na und?
3) Man bekommt einfach mit, was so in einem kleinen Fleckchen Europas (Hinterland von Neapel) abgeht.
Wenn dann die Tagesschau zeigt, dass Neapel Müllprobleme hat, kann ich mir ein Grinsen nicht verkneifen.
Ich weiß ja dann, wer da seine Finger im Spiel hatte... :)
Das Buch ist keine Ode an die Sprache, aber eine Zeugnis von Mut. Die Welt soll hören, was da unten Alltag ist! Saviano muss wohl für immer mit seinen Leibwächtern rumrennen, wir sollten zumindest wissen wollen warum und sein Buch lesen.
Wenn es dann auch erst später das Taschenbuch ist.
Leider nicht ganz das, 6. Dezember 2007
was ich erwartet habe.
Etwas schwerfällig geht es dahin, manche Passagen sind toll, spannend, schwer zu ertragen. Und die Aufregung um das Buch ist wichtig, um das Thema anzusprechen. Für anspruchsvolle Leser bleibt es eine kleine Enttäuschung.
Stellenweise schwieriges Buch, trotzdem interessante Thematik, 3. Dezember 2007
Es geht um Schwarzmarktproduktion im Textilbereich, um Drogenhandel, Waffenschmuggel, Machtkämpfe zwischen Clans, Baupolitik sowie Müllentsorgung. Hauptschauplatz ist Neapel und seine Umgebung, doch existiert jeweils ein Spinnennetz, welches sich über ganz Italien, Europa und den Rest der Welt ausgebreitet hat.
Es geht darum den grösstmöglichen Profit zu erzielen, wobei alle Mittel recht sind, sogar aus Abfall werden Millionengeschäfte gemacht.
Man sieht hier die Kehrseite der Medaille, eine Gegend wo die Politik sowie die Ökonomie versagt hat, und verschiedene Clans alles selbst in den Griff genommen haben, zum Nachteil des Grossteils der Bevölkerung.
Der Autor selbst hat sich in die Höhle des Löwen begeben, um seine Nachforschungen zu machen. Leider ist der Stil des Buches misslungen, oder es handelt sich um eine schlechte Übersetzung. Obschon verschiedene Kapitel gut leserlich sind, mangelt es dem Grossteil des Buches am Lesefluss. Speziell wenn mehrere Personen geschildert werden, verliert man schnell den Überblick und das Ganze wird schwerfällig.
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