Beschreibung
Der Top Secret-Stempel auf dem Cover von Achim Wohlgethans Insiderbericht Endstation Kabul über den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr verspricht sensationelle Enthüllungen. Zwar erweist sich das, was der ehemalige Stabsunteroffizier und sein Co-Autor, der Ex-Hauptmann und ehemalige Presseoffizier Dirk Schulze, in ihrem Buch dann tatsächlich berichten, als vielleicht doch nicht ganz so spektakulär, wie mancher gehofft (oder auch befürchtet) haben mag. Einige mehr oder weniger brisante und auch schockierende Details hat die Lektüre aber doch zu bieten. Damit sind nicht nur die schon öfter gehörten Klagen über eine teilweise äußerst mangelhafte Ausrüstung der Truppe gemeint -- oder darüber, dass in Kabul eintreffende Bundeswehrsoldaten zu Beginn der Mission noch mit zivilen Charterbussen zu ihrem Camp gefahren wurden, bis bei einem Selbstmordanschlag vier Insassen eines solchen Transports starben und weitere 29 verletzt wurden. Manche Passagen des Buches sind sogar von einer gewissen Komik: etwa die, in denen davon berichtet wird, wie sich die Truppe während Wohlgethans Dienstzeit in Afghanistan auf die Besuche von Politikern (die die Autoren auch als Gefechtsfeldtouristen bezeichnen) vorbereitete, oder jene, in denen uns die Inkompetenz mancher, sich bisweilen auch widersprechender Befehlshaber vor Augen geführt wird. Darüber mag man schmunzeln. Alles andere als zum Schmunzeln aber ist etwas anderes, das zwischen solchen, für einen Insiderbericht irgendwie ja erwartbaren Enthüllungen beinahe untergeht und das man nur deshalb nicht überliest, weil es auf das Grausamste in Erinnerung ruft, dass die Operation Enduring Freedom letztlich doch nichts anderes als ein Kriegseinsatz ist -- mit allen Konsequenzen! Dazu gehört der Umstand, dass die Regeln der Menschlichkeit ungeachtet etwaiger UN-Konventionen offenbar manchmal nur eingeschränkt gelten: Wenn wir Wohlgethans und Schulzes Schilderungen glauben dürfen, haben ISAF-Soldaten nämlich auch schon einmal Kinder zum Aufspüren von Minen missbraucht, indem sie Äpfel ins Feld warfen und ihre Reaktion abwarteten: Wenn die Kinder losliefen, ohne dass eine Mine explodierte, galt das Gelände als unvermint. Liefen sie nicht los, wurden Spezialkräfte zur Entschärfung gerufen. -- Andreas Vierecke, Literaturanzeiger.de
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Kundenmeinungen
lesenwert mit Einschränkungen, 2. Februar 2008
Die geschilderten Tatsachen sind zweifelsohne zum Teil skandalös und zum anderen Teil ein Armutszuegnis für die militärische und politische Führung oberhalb der taktischen Ebene.
Der große Teil dieser Informationen ist nicht neu, was keineswegs die Notwendigkeit mindert, dass sie einer breiten Öffentlichkeit immer wieder nahegebracht werden. Das und die Tatsache, dass der Autor seine sehr persönlichen und privaten Eindrücke wiedergibt, die das genaue Gegenteil der gängigen sterilen PR-Masche des BMVg sind, machen das Buch auf jeden Fall lesenwert.
Die Einschränkung muss ich beim Autor selbst machen: Was auf der einen Seite sehr persönlich und privat rüberkommt, offenbart auf der anderen Seite ein sehr naives Simpel-Denken verbunden mit einem pubertären Truppengattungs- und Unteroffizierstolz. Alleine die Unterscheidung in "Kollegen" und "Kameraden", mit denen Achim Wohlgethan sicherlich in Kreisen der Fallschirmjäger und in großen Kreisen des Unteroffizierkorps viele Punkte sammeln dürfte, beschädigen sein Renommee und die Wahrnehmung als wirklich ernstzunehmenden Kritiker massiv. Daher rührt auch m.E. die sehr unterschiedliche Bewertung des Buches. Der Autor - und natürlich auch der Ko-Autor - hätten gut daran getan, sich nicht mit solchen Insider-Seitenhieben zu verzetteln, wenn sie wirklich die breite Öffentlichkeit informieren wollen.
Da das aber nur eine stilistische und charakterliche Kritik ist, gebe ich dem Buch trotz allem 4 Punkte, da das Thema nicht oft genug publik gemacht werden kann.
Da packt einer aus..., 28. Januar 2008
...dachten alle. Endlich mal wieder ein Skandal. Bei Sensationsjournalisten keimte Hoffnung, im BMVg saß der eine oder andere Ministerial-Antisoldat schon mit kalten Füßen und feuchten Händen da.
Aber alles kam anders. Keine Räuberpistolen, keine Verschwörungstheorien, sondern gelebter Alltag in einer Armee, die im internationalen Theater unbedingt dazugehören will, der aber fast sämtliche Voraussetzungen dazu fehlen. Eben dieser gelebte Alltag ist gerade das Erschütternde. Wohlgethan gibt einen interessanten Einblick. Gut geschrieben mit einer gewissen Portion Humor.
Die 1-Stern-Rezensionen stammen offenbar von Leuten, die mit den beiden Autoren im besonderen ein Problem haben oder mit Fallschirmjägern im Allgemeinen. Aber wie heißt es so schön bei der Luftlandetruppe: Druff' gschxxxx.
Traurig - aber sehr viel wahres dran, 28. Januar 2008
Bin erst vor kurzem aus diesem Krisengebiet zurückgekommen, und war sehr überrascht, dass doch endlich einmal einer den "Mumm" hat der Bundeswehr auf die Füsse zu steigen.
Ich kann vieles bestätigen was dort erzählt wurde, ich war zwar nicht in einer solchen Spezialeinheit dort tätig, aber den "Affenzirkus" kennt doch jeder.
Man sollte es unbedingt lesen, zumal es sehr einfach geschrieben wurde und somit auch BW-Fremden verständlich erklärt wird.
Ich hatte das Buch innerhalb kürzester Zeit durch und kann doch jetzt abschließend sagen, dass sich jeder Cent gelohnt hat.
Bin gespannt ob weitere folgen.
Anmerkung am Rande, die Bundeswehr hat ja auch sehr schnell "Stellung" zu diesem Buch bezogen, leider fiel auch diese Stellungnahme entsprechend negativ aus, die Bundeswehr macht ja alles richtig und wie kommt den der böse StUffz dazu so etwas zu schreiben.
Ich für meinen Teil hatte ja schon geschrieben, dass es wirklich der "Wahrheit" entspricht, oftmals liest man diese Zeilen mit einem "Grinsen" auf dem Gesicht weil man die eine oder andere Situation ähnlich erlebt hatte.
Ich hoffe auch das doch noch der eine oder andere Augenzeuge hier sein Feedback abgeben wird um den Bürgern/ Lesern zu zeigen es war/ ist doch vieles so wie der Autor berichtete.
Klasse Sache und ich hoffe es werden weitere folgen.
Top persönlich!, 26. Januar 2008
Achim Wohlgethan war als Fallschirmjägersoldat in Afghanistan. Seine persönlichen Erfahrungen seines ersten Einsatzes in Kabul hat er jetzt zu einem Buch Endstation Kabul verarbeitet. Zusammen mit Offizier Dirk Schulze schildert er in abenteuerlicher Manier seinen Auftrag und seine Aufgaben in Kabul. Der Untertitel Als deutscher Soldat in Afghanistan ein Insiderbericht verspricht einiges.
Worum geht es? Das Autorengespann erzählt die Geschichte des Stabsunteroffiziers Achim Wohlgethans, der 2002 nach Kabul in den Einsatz fliegt. Zunächst ist er in der Operationszentrale innerhalb des Lagers eingesetzt. Nach kurzer Zeit erhält er immer mehr Aufträge, die ihn zunehmend außerhalb des Lagers agieren lassen. Dabei kommen dem Fallschirmjäger, ausgebildeten Hubschrauberpiloten, Einzelkämpfer und Scharfschützen seine umfangreichen Spezialkenntnisse zu Nutze.
Seine Aufträge werden dabei immer spezieller und gefährlicher: Aufklärung, Personenschutz, Beschaffung geheimer Informationen, Zusammenarbeit mit niederländischen Kommandokräften. Bei dieser Palette an Sonderaufträgen nimmt der Titelheld den Leser mit in modrige Abwassergräben, in die dunkle Nacht Kabuls, in lebensgefährliche Situationen. Zusammen mit Achim Wohlgethan steht der Leser Auge in Auge mit dem afghanischen Kämpfer in den Bergen Kabuls.
Diese Authentizität gelingt dem Autorenteam durch atmosphärische Beschreibungen bei Zugriffen, Erkundungsgängen, Prügeleien, strammen Märschen, Begegnungen mit Einheimischen. Der Leser fühlt die Schmerzen, spürt den nieder rinnenden Schweiß, erlebt die Gedankengänge des Stabsunteroffiziers mit, riecht den Gestank von Exkrementen und faulem Obst. Durch die Ich-Perspektive im gesamten Buch, verschwimmen die Grenzen zwischen Erzähler und Rezipient.
Während Wohlgethan von Auftrag zu Auftrag eilt, teilt er aus: Er urteilt über Vorgesetzte im Positiven wie Negativem, hält die Kameradschaft zu seinen niederländischen Waffenbrüdern hoch, hinterfragt das Verhältnis von militärischen Führern zu ihren Geführten, kritisiert das Herausputzen des Feldlagers bei ranghohem Besuch. Hierbei redet er Klartext. Dabei spricht er in der typischen Soldatensprache (deutsche Teile), die aber auch für Nichtmilitärs verständlich ist, denn er erklärt in einfachen Sätzen schwierige Fachbegriffe. Ferner kennzeichnet den Schreibstil eine saloppe und gleichzeitig witzige Lockerheit (schossen munter weiter). Genau das macht das Buch so lesenswert.
Obwohl sicherlich viele Soldaten Einzelheiten im Buch kritisch hinterfragen und vielleicht fachliche Mängel feststellen werden, ersetzen die Autoren diese durch die Spannung und dem Gefühl des potentiell Erlebbaren. Denn bei vielen Darstellungen können einsatzerfahrene Frauen und Männer sagen Ja, das habe ich auch schon so erlebt. Ob es sich nun um gute oder schlechte Vorgesetze handelt die es immer gibt oder um die sogenannte Monkeyshow, dem Herausputzen des Feldlagers oder wenn aus Sicht des Stabsunteroffiziers falsche Prioritäten der übergeordneten Führung getroffen werden: Eines bleibt - Die subjektiven Empfindungen und Wahrnehmungen des Achim Wohlgethan sind unbestreitbar zudem spannend geschrieben. Ein Ausschnitt der Wirklichkeit der Bundeswehr am Hindukush.
Dabei gliedert sich das Buch ein in eine Reihe von Büchern von oder über deutsche Soldaten im Afghanistaneinsatz. So beschrieb beispielsweise Boris Barschow 2007 seine Eindrücke als Reserveoffizier bei der Truppe für Operative Information in Kabul. Titel des Buches: Kabul, ich komme wieder. Bereits 2005 erschien von der Journalistin Britta Petersen das Buch Einsatz am Hindukush. Soldaten der Bundeswehr in Afghanistan. Sie interviewte mehrere deutsche Soldaten von Mannschaftsdienstgrad bis Stabsoffizier. Sehr persönlich und zum Teil kritisch gingen die Soldaten auf ihren Auslandseinsatz ein und schilderten ihre Alltagsprobleme.
Von einem der auszog, das Fürchten lernte - und dann völlig alleingelassen da stand., 26. Januar 2008
"Endstation Kabul" war für mich die erste Konfrontation mit Erlebnissen, die ein Bundeswehrsoldat im Auslandseinsatz macht. Es war auch meine erste ernsthaftere Auseinandersetzung mit der politischen Lage in Afghanistan, über die ich mich WEGEN diesem Buch vermittels anderer Quellen schlau gemacht habe. Dafür habe ich dem Buch und seinen Autoren zu danken. Denn eine, der meines Erachtens unterschiedlichen, Intentionen von Achim Wohlgetan war es, allen hier "wie die Made im Speck" Sitzenden ein wenig vor Augen zu führen, wie's "da unten" (=Afghanistan) zugeht. Diese Mission gelang.
Die nächste Intention dürfte jene sein, zu verdeutlichen, welche psychischen Probleme so ein Auslandseinsatz für die Beteiligten bedeutet. Da sind einerseits emotionale und lebensbedrohliche Erlebnisse die der Soldat zu meistern hatte und wenn die Mission zu Ende ist, ändert sich mit einem Schlag alles. Eine Nachbereitung des Erlebten findet - seitens seines Arbeitgebers - nicht statt. Das ist hart. Das kaufe ich Herrn Wohlgetan ab, denn das kenne ich. Wenn sich durch diese Veröffentlichung seiner Erlebnisse etwas ändert, wäre das zu begrüßen. Dass nicht jeder seiner "Kollegen" dasselbe erlebt hat, erfährt man übrigens aus erster Hand, wenn man aufmerksam liest was Wohlgetan zu berichten hat. Denn aus dem Camp kommen bei weitem nicht alle Beteiligten.
Achim Wohlgetans "Tagebuch" hat mich ganz ordentlich beeindruckt und ich kann jetzt verstehen, warum die Kritik in so ziemlich alle Richtungen tendiert. Die Zielgruppen könnten unterschiedlicher nicht sein und zudem haut der Autor - bei allem Verständnis für die Ungerechtigkeiten, die ihm in seinem "Verein" (=Bundeswehr) widerfuhren - seine Vorgesetzten und Kollegen durch seine Schilderungen einige Male ordentlich in die Pfanne.
Das und vieles anderes mehr könnte man als Anlass zu Kritik verwenden - oder man lässt es sein. Von weltbewegender Bedeutung halte ich "Endstation Kabul" nicht. Das "Top Secret", das das Buchcover ziert habe ich auch nicht zum Anlass genommen das Buch zu lesen. Seine Erlebnisse und Schilderungen hinterlassen einen nachhaltigen Eindruck. Und genau das finde ich gut.
Sollte Achim Wohlgetan auch von seinem zweiten Einsatz (in Kunduz, Afghanistan) berichten (wovon ich doch stark ausgehe) - ich bin dabei. Seine Art den Leser am Erlebten teil zu haben empfinde ich nicht als lapidare selbstgefällige Selbstdarstellung, sondern - kurz und schlicht - sympathisch und glaubwürdig. Differenziert darüber nachdenken kann ich immer noch alleine. - Bitte mehr davon!
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